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Nuklearkatastrophe von Tschernobyl
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Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl (rus: ЧДŃĐœĐŸĐ±ŃĐ»Ń, ukr: Đ§ĐŸŃĐœĐŸĐ±ĐžĐ»Ń (Tschornobyl)) ereignete sich am 26. April 1986 um 01:23 Uhr Ortszeit (entspricht 23:23 Uhr MESZ am Vortag) im Reaktor-Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der 1970 gegrĂŒndeten ukrainischen Stadt Prypjat. Auf der siebenstufigen internationalen Bewertungsskala fĂŒr nukleare Ereignisse wurde sie als erstes Ereignis in die höchste Kategorie katastrophaler Unfall (INES 7) eingeordnet. Es handelt sich um den folgenschwersten Unfall in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie.
Bei einem planmĂ€Ăigen Test in Block 4 sollte ĂŒberprĂŒft werden, ob dem Reaktor auch bei einem Stromausfall noch genĂŒgend eigene Energie fĂŒr seine NotkĂŒhlung zur VerfĂŒgung steht. Unerwartete und unzulĂ€ssige ZustĂ€nde in der Anlage fĂŒhrten zu einem Anstieg der Leistung, der durch die Regelung nicht mehr ausgeglichen werden konnte. Die manuelle Abschaltung fĂŒhrte aufgrund der Besonderheiten des RBMK-Kerns zu einem extrem schnellen Anstieg der Energiefreisetzung in den Brennelementen, was letztendlich zur vollstĂ€ndigen Zerstörung des Reaktorkerns fĂŒhrte. Bei der Explosion wurde die Reaktorhalle zerstört, wodurch es aufgrund des Graphitbrands zu einer erheblichen Freisetzung von radioaktiven Stoffen in die Umwelt kam. Die vorherrschenden Luftströmungen verteilten diese ĂŒber weite Teile Europas.
Die Zahl der TodesfĂ€lle im Zusammenhang mit dem Tschernobyl-Unfall ist umstritten, was unter anderem durch methodische Schwierigkeiten bei der Erfassung von strahlungsbedingten Erkrankungen bedingt ist. Das Tschernobyl-Forum veröffentlichte im Jahr 2005 eine SchĂ€tzung, wonach die Gesamtzahl der auf den Unfall zurĂŒckzufĂŒhrenden Todesopfer weltweit bei ungefĂ€hr 4000 liegt.
Nach der Katastrophe wurde ĂŒber den beschĂ€digten Reaktor ein vorĂŒbergehender Schutzmantel aus Beton und Stahl errichtet, bekannt als âSarkophagâ. Innerhalb eines Radius von 30 Kilometern um das Kernkraftwerk wurde eine Sperrzone eingerichtet. In den Jahren 2010 bis 2019 erfolgte der Bau einer neuen SchutzhĂŒlle, das âNew Safe Confinementâ, ĂŒber dem Sarkophag.
Contents
âą Geschichte
âą Hergang
âą Ursachen
âą Chronologie
âą Folgen
âą Wirtschaft
âą Ăsterreich
âą Polen
âą Frankreich
âą Weitere LĂ€nder
âą Mahnmale
âą Bildende Kunst
âą Weitere
âą Trivia
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Dokumentationen
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Geschichte
Im Jahr 1954 hatte die Sowjetunion mit dem Kernkraftwerk Obninsk weltweit den ersten Reaktor in Betrieb genommen, der Kernkraft fĂŒr die zivile Stromerzeugung nutzte.cite-ref-1[1] Im Februar 1956 verkĂŒndete Igor Kurtschatow, der âVater der sowjetischen Atombombeâ, auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Vision von einer neuen Sowjetunion, die ihre Energie mit Kernkraft erzeugte.cite-ref-2[2] Im September 1966 erlieĂ der Oberste Sowjet der UdSSR eine VerfĂŒgung, die dem Bau eines Prototyps einer neuen Generation von graphitmoderierten wassergekĂŒhlten Siedewasser-Druckröhrenreaktoren zustimmte, bekannt unter dem Akronym RBMK (russisch: reaktor bolshoy moschnosti kanalnyy). Der RBMK war nach Volumen zwanzigmal gröĂer als westliche Reaktoren und besaĂ eine thermische Leistung von 3200 MW (Megawatt), sowie eine elektrische Leistung von 1000 MW.cite-ref-3[3]
Das Kernkraftwerk Tschernobyl sollte ursprĂŒnglich einen Wasser-Wasser-Energie-Reaktor (WWER), das sowjetische GegenstĂŒck zu dem in den Vereinigten Staaten verwendeten Druckwasserreaktor, erhalten. Der RBMK hatte gegenĂŒber dem WWER den Vorteil, dass dieser die doppelte Strommenge erzeugen konnte und billiger in der Herstellung war, weil er aus vorgefertigten Komponenten zusammengebaut werden konnte. WĂ€hrend weltweit Druckwasserreaktoren gebaut wurden, entschied sich die Sowjetunion ĂŒberwiegend fĂŒr Kernkraftwerke vom Typ RBMK, so auch in Tschernobyl.cite-ref-plokhychernobyl46-4-0[4] Der erste RBMK-Reaktor wurde im Dezember 1973 bei Leningrad in Betrieb genommen â eine Prototypenphase wurde aus ZeitgrĂŒnden ĂŒbersprungen.
Am 30. November 1975 geriet der Reaktorblock 1 des Leningrader Kernkraftwerks nach einer planmĂ€Ăigen Wartung auĂer Kontrolle und es kam zu einer partiellen Kernschmelze. Die offizielle ErklĂ€rung lautete, dass ein Herstellungsfehler zur Zerstörung eines einzelnen Brennstoffkanals gefĂŒhrt habe, eine Untersuchungskommission kam hingegen zum Ergebnis, dass die Unfallursache eine Folge eines Konstruktionsfehlers des Reaktors gewesen sei.cite-ref-5[5]
Nach dem Reaktorunfall im Kernkraftwerk Three Mile Island im MĂ€rz 1979 nahmen die Baukosten fĂŒr Kernkraftwerke in den Vereinigten Staaten aufgrund von verstĂ€rkten SicherheitsmaĂnahmen um den Faktor sieben bis acht zu, ein Trend, dem die sowjetische Nuklearindustrie nicht folgte.cite-ref-plokhychernobyl46-4-1[4]
Im Dezember 1966 wurde der Standort in der NĂ€he des Dorfes Kopatschi ausgewĂ€hlt und im Sommer 1970 begann der Bau des Kraftwerks. Das Kernkraftwerk Tschernobyl nahm Ende 1977 den Betrieb auf, zwei Jahre nach geplanter Fertigstellung. Im Dezember 1978 folgte die Inbetriebnahme des Reaktor-Blocks 2, Block 3 im Dezember 1981 und im Dezember 1983 ging Block 4 ans Netz.cite-ref-plokhychernobyl31-6-0[6] Eine Studie des Wissenschaftlichen Forschungs- und Konstruktionsinstituts fĂŒr Energietechnik, bekannt unter dem russischen Akronym NIKIET, von 1980 fĂŒhrte neun schwerwiegende Konstruktionsfehler und thermohydraulische InstabilitĂ€ten des RBMK-Reaktors auf und stellte fest, dass UnfĂ€lle nicht nur unter seltenen, eher unwahrscheinlichen Bedingungen möglich seien, sondern auch im Alltagsbetrieb wahrscheinlich seien. In der Folge ĂŒberarbeitete NIKIET lediglich die Betriebsanleitungen und unternahm keine Anstrengungen, die Belegschaft der Kraftwerke ĂŒber potentielle Gefahren zu informieren. Im September 1982 kam es wĂ€hrend eines Unfalls in Block 1 zu einer partiellen Kernschmelze, bei dem Strahlung in die Umgebung freigesetzt wurde. Der Vorfall wurde wie alle UnfĂ€lle in sowjetischen Kernkraftwerken als streng geheim eingestuft und die Beteiligten wurden gezwungen, Redeverbote des KGB zu unterzeichnen.cite-ref-7[7]
Bei einer unter der Leitung von Anatoli Djatlow durchgefĂŒhrten, am 25. April 1986 begonnenen Simulation eines vollstĂ€ndigen Stromausfalls kam es aufgrund schwerwiegender VerstöĂe gegen die Sicherheitsvorschriften sowie der bauartbedingten Eigenschaften des graphitmoderierten Kernreaktors vom Typ RBMK-1000 zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg, der am 26. April um 01:23:44 Uhr zur Explosion des Reaktors und zum Brand des als Moderator eingesetzten Graphits fĂŒhrte. Innerhalb der ersten zehn Tage nach der Explosion wurde eine RadioaktivitĂ€t von mehreren Trillionen Becquerel in die ErdatmosphĂ€re freigesetzt. Die so in die AtmosphĂ€re gelangten radioaktiven Stoffe, darunter die Isotope Caesium-137 mit einer Halbwertszeit (HWZ) von rund 30 Jahren und Iod-131 (HWZ: 8 Tage), kontaminierten infolge radioaktiven Niederschlags hauptsĂ€chlich die Region nordöstlich von Tschernobyl sowie durch Windverfrachtung viele LĂ€nder in Europa. Nach der Katastrophe begannen sogenannte Liquidatoren mit der Dekontamination der am stĂ€rksten betroffenen Gebiete. Unter der Leitung des Kurtschatow-Instituts errichtete man bis November 1986 einen aus Stahlbeton bestehenden provisorischen Schutzmantel (russisch ĐŸĐ±ŃĐ”ĐșŃ Â«ĐŁĐșŃŃŃОД», objekt «Ukrytije»), der meist als âSarkophagâ bezeichnet wird.
Ăber die weltweiten gesundheitlichen Langzeitfolgen, insbesondere jene, die auf eine gegenĂŒber der natĂŒrlichen Strahlenexposition erhöhte effektive Dosis zurĂŒckzufĂŒhren sind, gibt es seit Jahren Kontroversen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hielt anfĂ€nglich in einem gemeinsam mit den Vereinten Nationen und der Internationalen Atomenergie-Organisation erstellten Bericht insgesamt weltweit ca. 4000 Todesopfer vor allem durch Krebserkrankungen fĂŒr möglich. Direkt der Katastrophe zugeschriebene TodesfĂ€lle, gröĂtenteils infolge von akuter Strahlenkrankheit (bzw. thermischen Verbrennungen â viele der Todesopfer hatten sowohl thermische Verbrennungen als auch StrahlenschĂ€den, wĂ€hrend andere vergleichbare Strahlendosen ĂŒberlebtencite-ref-8[8]cite-ref-9[9]cite-ref-10[10]), gab es laut diesem Bericht weniger als 50.cite-ref-11[11] Die mittelbaren und statistisch ermittelten Todesopferzahlen werden dagegen wesentlich höher beziffert. Die IPPNW bringt in einem Report von 2016 Hunderttausende TodesfĂ€lle statistisch in Verbindung mit der Nuklearkatastrophe. Unter gesundheitlichen SpĂ€tfolgen leiden demnach Millionen Menschen.cite-ref-12[12] Der im Jahr 2008 veröffentlichte Bericht der UNSCEAR kam zu dem Schluss, dass zu diesem Zeitpunkt insgesamt 43 TodesfĂ€lle auf den Reaktorunfall zurĂŒckzufĂŒhren waren.cite-ref-13[13]
Als wesentlichster Effekt wurde in den stark kontaminierten Gebieten um Tschernobyl das vermehrte Auftreten von SchilddrĂŒsenkrebs beobachtet.cite-ref-14[14] Dieses vermehrte Auftreten hĂ€tte mit einfachen medizinischen Mitteln, durch eine sogenannte Iodblockade, von der damaligen Regierung verhindert werden können.cite-ref-15[15]
Der damalige GeneralsekretĂ€r des Zentralkomitees der KPdSU, Michail Gorbatschow, bezeichnete 1986 in einer öffentlichen Stellungnahme die westliche Berichterstattung ĂŒber das UnglĂŒck mit angeblich Tausenden von Toten als âzĂŒgellose antisowjetische Hetzeâ und rief in der Rede zur internationalen Zusammenarbeit im Bereich der friedlichen Nutzung der Kernenergie auf.cite-ref-16[16]
2006 schrieb Gorbatschow in einem Buch, Tschernobyl sei vielleicht mehr noch als seine Perestroika die wirkliche Ursache fĂŒr den Zusammenbruch der Sowjetunion.cite-ref-17[17]
Hergang
Ursachen
Die Katastrophe ereignete sich bei einem unter der Leitung von Anatoli Djatlow durchgefĂŒhrten Versuch, der einen vollstĂ€ndigen Ausfall der externen Stromversorgung des Kernreaktors simulieren sollte. Dieser Versuch sollte den Nachweis erbringen, dass in der Anlage durch den Nachlauf der Hauptturbine genĂŒgend elektrische Energie produziert wird, um die bei einem Stromausfall weiterhin benötigten KĂŒhlsysteme bis zum Anlaufen der Dieselgeneratoren versorgen zu können.
Als Hauptursachen fĂŒr die Katastrophe gelten erstens die bauartbedingten Eigenschaften des graphit-moderierten Kernreaktors (Typ RBMK-1000), der im niedrigen Leistungsbereich instabiles Verhalten zeigt, und zweitens schwerwiegende VerstöĂe der Operatoren gegen geltende Sicherheitsvorschriften wĂ€hrend des Versuchs, insbesondere der Betrieb des Reaktors in diesem instabilen Leistungsbereich.cite-ref-medwedew-18-0[18]
Kennzeichnend fĂŒr diesen Reaktortyp (graphit-moderiert) ist ein stark positiver Void-Koeffizient: Bilden sich im KĂŒhlwasser Dampfblasen â zum Beispiel wegen einer lokalen Leistungssteigerung an einer Stelle im Reaktor oder wegen Druckverlusts im Reaktor nach dem Platzen eines Rohres â, steigt die ReaktivitĂ€t im Reaktor und damit die WĂ€rmeabgabe. Grund hierfĂŒr ist, dass sich die Neutronenabsorption des KĂŒhlwassers entsprechend der Dampfblasenbildung reduziert, wĂ€hrend zugleich die zur Kernspaltung nötige Moderationswirkung des im Reaktor verbauten Graphits erhalten bleibt. Bei den meisten anderen kommerziellen Reaktortypen ist hingegen der Void-Koeffizient negativ, weil dort das KĂŒhlwasser zugleich als Moderator dient. Kommt es bei diesen zur Dampfblasenbildung, reduziert sich die ReaktivitĂ€t und damit auch die WĂ€rmeproduktion.
Beim UnglĂŒcksreaktor wurde der Void-Koeffizient zudem durch den fortgeschrittenen Abbrand des Kernbrennstoffs weiter erhöht. AuĂerdem wurde die Einhaltung der betrieblichen ReaktivitĂ€tsreserve (minimal erforderliche ReaktivitĂ€tsbindung durch hinreichend in den Reaktor eingefahrene SteuerstĂ€be) nicht vom automatischen Reaktorsicherheitssystem ĂŒberwacht. Stattdessen war sie lediglich in den Betriebsvorschriften vorgegeben. TatsĂ€chlich war der vorgegebene Minimalwert der ReaktivitĂ€tsreserve bereits Stunden vor Beginn des Versuchs unterschritten â der Reaktor hĂ€tte abgeschaltet werden mĂŒssen. AuĂerdem hatte die Betriebsmannschaft bestimmte Sicherheitssysteme abgeschaltet, um im Bedarfsfall den Versuch wiederholen zu können. Die automatisch arbeitenden Sicherheitssysteme hĂ€tten das ansonsten planmĂ€Ăig verhindert, indem sie wĂ€hrend des Versuchs eine Schnellabschaltung ausgelöst hĂ€tten.
Die endgĂŒltige Auslösung der explosionsartigen Leistungsexkursion ist wahrscheinlich auf eine weitere konstruktive Besonderheit des Steuerstabsystems zurĂŒckzufĂŒhren: Ein GroĂteil der SteuerstĂ€be war mit VerdrĂ€ngungskörpern aus Graphit ausgestattet, die beim Ausfahren der SteuerstĂ€be an deren Stelle im Reaktor platziert waren. Diese Graphitkörper bewirkten eine Leistungssteigerung in Höhe eines halben ÎČ, da sie Wasser, welches Neutronen absorbiert, verdrĂ€ngten; eine Leistungsminderung bewirken sie erst bei gröĂerer Einfahrtiefe.cite-ref-19[19]
Als der Schichtleiter Alexander Akimow schlieĂlich Leonid Toptunow befahl, manuell die Reaktorschnellabschaltung (russisch ĐĐČаŃĐžĐčĐœĐ°Ń ĐаŃĐžŃа 5-Đč ĐșаŃĐ”ĐłĐŸŃОО (ĐĐ-5), Awarijnaja Saschtschita 5-j kategorii (AZ-5), âNotfallschutz der 5. Kategorieâ) auszulösen, trat genau dieser Effekt ein: Viele StĂ€be fuhren gleichzeitig ein und die Verschiebung der VerdrĂ€ngungskörper und die dadurch verursachte VerdrĂ€ngung von Wasser fĂŒhrten dadurch dem Reaktor sogar noch mehr ReaktivitĂ€t zu. Insbesondere die unteren Bereiche des Reaktors, in denen die VerdrĂ€ngungskörper der einfahrenden SteuerstĂ€be zu dem Zeitpunkt positioniert waren, wurden prompt ĂŒberkritisch, das heiĂt, die Kettenreaktion der Kernspaltungen lief auch ohne verzögerte Neutronen immer schneller. Die Leistung stieg innerhalb von Sekundenbruchteilen auf ein Vielfaches (vermutlich das Hundertfache) der Nennleistung an. Durch die Ăberschreitung der (lokalen) Auslegungsleistung wurden die KanĂ€le der SteuerstĂ€be blockiert und die exponentielle Leistungssteigerung war nicht mehr aufzuhalten. Schlagartig verdampften groĂe Mengen KĂŒhlwasser, und der dabei entstehende hohe Druck lieĂ den Reaktor bersten. Etwa zwei bis drei Sekunden spĂ€ter kam es zu einer zweiten Explosion. Die Ursache dafĂŒr ist unklar; möglicherweise ereignete sich eine zweite Leistungsexkursion, da in den abgerissenen Rohren der Druck rasch sank, das Wasser siedete und die ReaktivitĂ€t stieg. Auch die ZĂŒndung von Wasserstoff, der sich bei den hohen Temperaturen durch chemische Reaktionen des Wasserdampfs mit den weiteren Reaktorkomponenten (insbesondere Graphit-Moderator und Metall) bildete, kommt als Ursache in Frage.cite-ref-20[20]
Eine weitere SchwÀche des RBMK-Designs als Druckröhrenreaktor war das Fehlen eines SicherheitsbehÀlters. Fraglich ist allerdings, ob ein solcher den Explosionen standgehalten hÀtte.
Wesentlich zum Zustandekommen des Unfalls trug eine Verschiebung des Versuchs um rund einen halben Tag bei. Die dadurch entstandene lange Haltezeit auf Teillast fĂŒhrte zu einer Anreicherung des Reaktors mit neutronenabsorbierendem Xenon-135. Durch die so genannte Xenonvergiftung wurde das neutronenphysikalische Verhalten des Reaktors wesentlich komplexer und weniger berechenbar.
Geplanter Versuchsablauf
Auch ein abgeschaltetes Kernkraftwerk ist auf die Versorgung mit elektrischer Energie angewiesen, beispielsweise zur Aufrechterhaltung der KĂŒhlung und fĂŒr die Instrumentierung und Ăberwachung. Im Normalfall wird der Eigenbedarf eines abgeschalteten Kraftwerks aus dem öffentlichen Energieversorgungsnetz oder von Nachbarblöcken gedeckt. Ist das nicht möglich, laufen Notstromaggregate an. Jedoch benötigen diese eine gewisse Zeit, bis sie ausreichend Strom produzieren.
Im Rahmen einer wegen Wartungsarbeiten anstehenden Abschaltung des Reaktors sollte nun gezeigt werden, dass die Rotationsenergie der auslaufenden Turbinen bei gleichzeitig unterstelltem Netzausfall ausreicht, die Zeit von etwa 40 bis 60 Sekunden bis zum vollen Anlaufen der Notstromaggregate zu ĂŒberbrĂŒcken. Nach Sicherheitsvorschriften hĂ€tte der Versuch eigentlich bereits vor der kommerziellen Inbetriebnahme im Dezember 1983 durchgefĂŒhrt werden sollen. Jedoch waren die finanziellen Anreize fĂŒr die Projektleiter fĂŒr die rechtzeitige Inbetriebnahme so hoch, dass dieser eigentlich erforderliche Sicherheitstest erst nachtrĂ€glich durchgefĂŒhrt wurde.
Ein im Block 3 des Kraftwerks bereits durchgefĂŒhrter analoger Versuch war 1985 fehlgeschlagen, da die Spannung des Generators an der Hauptturbine zu schnell abfiel, so dass die Stromversorgung aus dem Generator nicht gereicht hĂ€tte, die Zeit bis zum Anspringen und Hochfahren der Notstromaggregate zu ĂŒberbrĂŒcken.cite-ref-21[21] Nun sollte der Versuch im Block 4 mit einem verbesserten Spannungsregler wiederholt werden.
Es war vorgesehen, den Versuch bei reduzierter Reaktorleistung (zwischen 700 und 1000 MWthermisch) durch SchlieĂung der Dampfzufuhr zu den Turbinen einzuleiten.
Chronologie
Freitag, 25. April 1986
01:06 Uhr (MSD): Als erster Schritt sollte die thermische Leistung des Reaktors von ihrem Nennwert bei 3200 MW auf 1000 MW reduziert werden, wie bei einer Regelabschaltung ĂŒblich. Der Reaktor sollte sowohl fĂŒr eine Revision als auch fĂŒr den Test heruntergefahren werden.cite-ref-pdf-katastrophe-von-tschernobyl-22-0[22]
13:05 Uhr: Etwa 50 % Reaktorleistung wurden erreicht. Eine der beiden zugeordneten Turbinen wurde abgeschaltet. Bei diesen etwa 50 Prozent Leistung wurde der Turbogenerator 7 abgeschaltet.cite-ref-pdf-katastrophe-von-tschernobyl-22-1[22] Es reicherte sich neutronenabsorbierendes Xenon-135 an.
14:00 Uhr: Es wurde damit begonnen, das NotkĂŒhlsystem abzuschalten. Grund dafĂŒr war, dass bei einem NotkĂŒhlsignal kein Wasser in den Reaktor gepumpt werden sollte.cite-ref-pdf-katastrophe-von-tschernobyl-22-2[22] Inzwischen war aufgrund erhöhter Stromnachfrage auf Anweisung des Lastverteilers in Kiew die Leistungsabsenkung bei einer erreichten Leistung von 1600 MW unterbrochen und der Reaktor mit dieser Leistung konstant weiterbetrieben worden. Das Betriebspersonal vergaĂ nun, die NotkĂŒhlsysteme wieder zu aktivieren.
23:10 Uhr: Nachdem der Strombedarf gedeckt war, wurde mit dem weiteren Abfahren des Reaktors begonnen. Ziel war es, 25 Prozent der Nennleistung zu erreichen.cite-ref-pdf-katastrophe-von-tschernobyl-22-3[22]
Samstag, 26. April 1986
00:00 Uhr: Eine neue Schichtmannschaft ĂŒbernahm den Reaktor.
00:28 Uhr: Bei 500 MW erfolgte eine Umschaltung innerhalb der Reaktorleistungsregelung. Durch einen Bedienfehler, durch den der Sollwert fĂŒr die Gesamtleistungsregelung möglicherweise nicht richtig eingestellt wurde, oder aufgrund eines technischen Defekts sank die Leistung weiter bis auf nur noch etwa 30 MW, rund 1 Prozent der Nennleistung.
Wie nach jeder Leistungsabsenkung erhöhte sich die Konzentration des Isotops 135Xe im Reaktorkern (âXenonvergiftungâ). Da 135Xe als sog. Neutronengift die fĂŒr die nukleare Kettenreaktion benötigten Neutronen sehr stark absorbiert, nahm aufgrund der Konzentrationszunahme die ReaktivitĂ€t des Reaktors immer weiter ab. Als die Betriebsmannschaft am 26. April 1986 um 00:32 Uhr die Leistung des Reaktors durch weiteres Ausfahren von SteuerstĂ€ben wieder anheben wollte, gelang ihr das infolge der mittlerweile aufgebauten Xe-Vergiftung nur bis zu etwa 200 MW oder 6 Prozent der Nennleistung.
Obwohl der Betrieb auf diesem Leistungsniveau unzulĂ€ssig war (laut Vorschrift durfte der Reaktor nicht unterhalb von 20 Prozent der Nennleistung betrieben werden, was 640 MW entspricht) und sich zu diesem Zeitpunkt auĂerdem viel weniger SteuerstĂ€be im Kern befanden, als fĂŒr einen sicheren Betrieb vorgeschrieben waren, wurde der Reaktor nicht abgeschaltet, sondern der Betrieb fortgesetzt.
01:03 Uhr bzw. 01:07 Uhr: Beim SchlieĂen der Turbineneinlassventile lĂ€uft normalerweise das KernnotkĂŒhlsystem an. Dieses war jetzt jedoch ausgeschaltet. Um dessen Stromverbrauch fĂŒr den Versuch zu simulieren, wurden nacheinander zwei zusĂ€tzliche HauptkĂŒhlmittelpumpen in Betrieb genommen. Der dadurch erhöhte KĂŒhlmitteldurchsatz verbesserte an einigen Stellen die WĂ€rmeabfuhr aus dem Reaktorkern und reduzierte demgemÀà den durchschnittlichen Dampfblasengehalt des KĂŒhlmittels im Kern. Der positive Dampfblasenkoeffizient bewirkte eine globale ReaktivitĂ€tsabnahme, auf welche die (automatische) Reaktorregelung mit dem Herausfahren weiterer SteuerstĂ€be reagierte. Der Reaktorzustand verschob sich weiter in den unzulĂ€ssigen Bereich.
01:19 Uhr: Die Wasserzufuhr in den Reaktor wurde erhöht, um so die Warnsignale zum Stand von Wasserspiegel und Druck zu deaktivieren, die zu einer Abschaltung gefĂŒhrt hĂ€tten. Diese Vorgehensweise war laut Betriebsanleitung nicht verboten.cite-ref-pdf-katastrophe-von-tschernobyl-22-4[22]
01:22 Uhr: Es gelang, den Reaktor zu stabilisieren und den Wasserpegel im Reaktor auf zwei Drittel des vorgeschriebenen Werts zu steigern.cite-ref-pdf-katastrophe-von-tschernobyl-22-5[22]
01:23:04 Uhr: Der eigentliche Test begann durch SchlieĂen der Turbinenschnellschlussventile. Dadurch wurde die WĂ€rmeabfuhr aus dem Reaktor unterbrochen, sodass die Temperatur des KĂŒhlmittels nun anstieg. Infolge des positiven Dampfblasenkoeffizienten kam es jetzt zu einem Leistungsanstieg, auf den die automatische Reaktorregelung folgerichtig mit dem Einfahren von SteuerstĂ€ben reagierte. Infolge der relativ langsamen Einfahrgeschwindigkeit der SteuerstĂ€be konnte die Leistung allerdings nicht stabilisiert werden, sodass der Neutronenfluss weiter anstieg. Dies bewirkte einen verstĂ€rkten Abbau der im Kern angesammelten Neutronengifte (insbesondere 135Xe). Dadurch stiegen ReaktivitĂ€t und Reaktorleistung weiter an, wodurch immer gröĂere Mengen an Dampfblasen entstanden, die ihrerseits wieder die Leistung erhöhten. Die Effekte schaukelten sich so gegenseitig auf.
01:23:40 Uhr: Der Schichtleiter Alexander Akimow gab Leonid Toptunow den Befehl, manuell den Knopf des Havarieschutzes, Typ 5 (Notabschaltung des Reaktors), auszulösen. Dazu wurden alle zuvor aus dem Kern entfernten SteuerstÀbe wieder in den Reaktor eingefahren.
Nun zeigte sich ein weiterer Konzeptionsfehler des Reaktortyps: Durch die an den Spitzen der StĂ€be angebrachten Graphitabschnitte wurde beim Einfahren eines vollstĂ€ndig herausgezogenen Stabs die ReaktivitĂ€t dort kurzzeitig erhöht, bis der Stab tiefer in den Kern eingedrungen war.cite-ref-medwedew-18-1[18] Dadurch entstand unten im Reaktor ein Bereich, in dem die Leistung die Auslegung der Struktur ĂŒberschritt â das erhitzte Metall dehnte sich aus und blockierte ein weiteres Einfahren der SteuerstĂ€be.
01:23:44 Uhr: Die durch das gleichzeitige Einfahren aller StĂ€be massiv gesteigerte Neutronenausbeute lieĂ die ReaktivitĂ€t so weit ansteigen, dass schlieĂlich mehr prompte Neutronen (d. h. ohne die verzögerten Neutronen) erzeugt wurden, als fĂŒr den Erhalt der Kettenreaktion nötig war (prompte ĂberkritikalitĂ€t) und infolgedessen die Leistung innerhalb von Sekundenbruchteilen das Hundertfache des Nennwerts ĂŒberschritt.
Durch diese Leistungsexkursion im Reaktorkern erhitzten sich KĂŒhlwasser, Graphit, SteuerstĂ€be und BrennstĂ€be enorm. Erste Explosionen fanden möglicherweise in den Brennelementen statt.cite-ref-24[24] Nachfolgend begannen Druckröhren zu bersten,cite-ref-insag-7-114-25-0[25] so dass die Reaktorauslegung ĂŒberschritten wurde, die maximal zwei gleichzeitig zerstörte KanĂ€le vorsah.cite-ref-26[26] Die einfahrenden SteuerstĂ€be erreichten nicht die Endposition,cite-ref-insag-7-114-25-1[25] sondern wurden möglicherweise durch eine ĂŒberdruckbedingte Verschiebung von Reaktorbauteilen blockiert.cite-ref-27[27]
Das Zirconium in den Ummantelungen der BrennstĂ€be ebenso wie der Graphit konnten nun mit dem heiĂen Dampf reagieren. Wasserstoff und Kohlenstoffmonoxid entstanden in gröĂeren Mengen und konnten aufgrund der BeschĂ€digungen des Reaktorkerns entweichen. Nur Sekunden spĂ€ter kam es zu einer zweiten Explosion, die möglicherweise durch eine erneute Leistungssteigerung oder durch die Entstehung von Wassergas unter dem ReaktorgebĂ€udedeckel ausgelöst wurde.
Welche Explosion zum Abheben des ĂŒber 1000 Tonnen schweren Deckels des Reaktorkerns (biologischer Schild) fĂŒhrte, ist unklar. Explosionen zerstörten auch das â nur als Wetterschutz ausgebildete â Dach des ReaktorgebĂ€udes, sodass der Reaktorkern nun nicht mehr eingeschlossen war und direkte Verbindung zur AtmosphĂ€re hatte. Der glĂŒhende Graphit im Reaktorkern fing sofort Feuer. Insgesamt verbrannten wĂ€hrend der folgenden zehn Tage 250 Tonnen Graphit, das sind etwa 15 Prozent des Gesamtinventars.
GroĂe Mengen an radioaktiver Materie wurden durch die Explosionen und den Brand des Graphits in die Umwelt freigesetzt, wobei die hohen Temperaturen des Graphitbrandes fĂŒr eine Freisetzung in groĂe Höhen sorgten. Insbesondere die leicht flĂŒchtigen Isotope 131I und 137Cs bildeten gefĂ€hrliche Aerosole, die in einer radioaktiven Wolke teilweise Hunderte oder gar Tausende Kilometer weit getragen wurden, bevor sie der Regen aus der AtmosphĂ€re wusch. Radioaktive Stoffe mit höherem Siedepunkt wurden hingegen vor allem in Form von Staubpartikeln freigesetzt, die sich in der NĂ€he des Reaktors niederschlugen.
04:30 Uhr: Akimow meldete einem Mitglied der Kraftwerksleitung, Nikolai Fomin, dass der Reaktor intakt geblieben sei. Obwohl ĂŒberall BruchstĂŒcke der BrennstĂ€be sowie Graphitelemente verstreut lagen und die Situation bei Tageslicht offensichtlich war, beharrten die Operatoren sowie die Kraftwerksleitung noch bis zum Abend des 26. April darauf, dass der Reaktor intakt sei und nur gekĂŒhlt werden mĂŒsse. Entsprechende Meldungen wurden nach Moskau ĂŒbermittelt. Dieser Umstand ist nach Grigori Medwedew die Hauptursache fĂŒr die spĂ€te Evakuierung der Stadt Prypjat.cite-ref-medwedew-s172f-28-0[28]
Gegen 05:00 Uhr: Die BrĂ€nde auĂerhalb des Reaktors waren durch die Werkfeuerwehr gelöscht. Block 3 wurde abgeschaltet.
Gegen 15:12 Uhr: Der Werksfotograf Anatoli Rasskasow machte von einem Hubschrauber aus die ersten Aufnahmen der radioaktiven Rauchfahne und des zerstörten Reaktorblocks 4. Ein GroĂteil seiner Aufnahmen waren infolge der hohen StrahlungsaktivitĂ€t geschwĂ€rzt. Einige AbzĂŒge behielt er fĂŒr sich, und die anderen Fotos mitsamt den Negativen wurden dem Notfallstab und den Sicherheitsbehörden ĂŒbergeben. Einige Aufnahmen wurden erst am 30. April 1986 retuschiert im sowjetischen Fernsehen gezeigt, um das AusmaĂ des UnglĂŒcks weniger dramatisch darstellen zu können.
Sonntag, 27. April 1986
Die Blöcke 1 und 2 wurden um 01:13 bzw. 02:13 Uhr abgeschaltet. Es wurde begonnen, den Reaktor von Block 4 mit Blei, Bor, Dolomit, Sand und Lehm zuzuschĂŒtten. Dies verringerte die Spaltproduktfreisetzung und deckte den brennenden Graphit im Kern ab. Insgesamt wurden ca. 40 t Borcarbid abgeworfen, um die Kettenreaktion zu unterbinden, ca. 800 t Dolomit, um den Graphitbrand zu unterdrĂŒcken und die WĂ€rmeentwicklung zu verringern, ca. 2400 t Blei, um die Gammastrahlung zu verringern wie auch eine geschlossene Schicht ĂŒber dem schmelzenden Kern zu bilden, und ca. 1800 t Sand und Lehm, um die radioaktiven Stoffe zu filtern.cite-ref-pdf-katastrophe-von-tschernobyl-22-6[22] Rund 1800 HubschrauberflĂŒge waren hierfĂŒr nötig. Das zur KĂŒhlung in den Block 4 eingeleitete Wasser sammelte sich aufgrund der geborstenen Leitungen in den RĂ€umen unter dem Reaktor, wo es stark kontaminiert wurde und mit etwa 1000 Röntgen (â 10 Gray) pro Stunde strahlte.cite-ref-medwedew-18-2[18] Zur gleichen Zeit begann die Evakuierung der in der NĂ€he liegenden Stadt Prypjat mit 48.000 Einwohnern.
Montag, 28. April 1986
07:00 Uhr: Im ĂŒber 1200 Kilometer entfernten Kernkraftwerk Forsmark in Schweden wurde aufgrund erhöhter RadioaktivitĂ€t auf dem GelĂ€nde automatisch Alarm ausgelöst. Messungen an der Arbeitsbekleidung der Angestellten ergaben erhöhte radioaktive Werte. Nachdem die eigenen Anlagen als Verursacher hatten ausgeschlossen werden können, richtete sich der Verdacht aufgrund der aktuellen Windrichtung gegen eine kerntechnische Anlage auf dem Gebiet der Sowjetunion. Die Schwedische Behörde fĂŒr Strahlensicherheit kontaktierte sowjetische Beamte, die jedoch bestritten, dass etwas auf ihrem Territorium eine nukleare Kontamination verursacht haben könnte. Die Strahlungswerte in den skandinavischen LĂ€ndern blieben jedoch weiterhin ungewöhnlich hoch. In Schweden lag die Gammastrahlung um 30 bis 40 Prozent ĂŒber dem Normalwert, in Norwegen hatte sie sich verdoppelt und in Finnland war sie sechsmal so hoch wie normal. Die schwedische Umweltministerin Birgitta Dahl erklĂ€rte, dass das fĂŒr die Ausbreitung der RadioaktivitĂ€t verantwortliche Land gegen internationale Abkommen verstoĂe, indem es der Weltgemeinschaft wichtige Informationen vorenthalte.cite-ref-29[29]
21:00 Uhr: Nachdem die sowjetischen Behörden zunĂ€chst eine Nachrichtensperre erlassen hatten, meldete die amtliche Nachrichtenagentur TASS erstmals einen âUnfallâ im Kernkraftwerk Tschernobyl. Um 21:30 Uhr wurde in der Nachrichtensendung Wremja eine Meldung verlesen, dass der Reaktor in Tschernobyl beschĂ€digt sei und man âMaĂnahmen zur Beseitigung der Folgen der Havarieâ ergriffen habe. Um 19:32 Uhr MEZ schickte die Deutsche Presse-Agentur eine erste Eilmeldung an die Nachrichtenredaktionen in der Bundesrepublik Deutschland ab.
Dienstag, 29. April 1986
Sowjetische Quellen sprachen erstmals von einer âKatastropheâ und von zwei Todesopfern.cite-ref-30[30] Internationale Medien berichteten erstmals ausfĂŒhrlicher ĂŒber den Unfall, verfĂŒgten aber ĂŒber kein Bild- oder Filmmaterial vom UnglĂŒcksort. US-MilitĂ€rsatelliten lieferten ab dem Nachmittag erste Aufnahmen und Informationen, die nicht an die Ăffentlichkeit gelangten.
Mittwoch, 30. April 1986
Im sowjetischen Fernsehen wurde erstmals ein Foto vom UnglĂŒcksort gezeigt, das aber retuschiert war. Die ARD-Nachrichtensendung Tagesschau zeigte dieses Foto ebenfalls.cite-ref-31[31]
Donnerstag, 1. Mai 1986
Der erst im Februar 1986 in die Erdumlaufbahn entsandte französische Erderkundungssatellit SPOT 1 lieferte den internationalen Medien Infrarotaufnahmen der nuklearen Rauchfahne ĂŒber dem Reaktor. Am 3. Mai lieferten auch Landsat-Satelliten erstmals Aufnahmen, die allerdings sehr ungenau waren und keine AufschlĂŒsse ĂŒber das AusmaĂ der Katastrophe gaben.
4. und 5. Mai 1986
Es wurde damit begonnen, unterhalb der Anlage Stickstoff einzublasen, um so das Feuer zu ersticken. ZunÀchst hatte dies den Nebeneffekt, dass die WÀrme im Kern anstieg und zudem mehr radioaktive Partikel hinausgeblasen wurden.cite-ref-pdf-katastrophe-von-tschernobyl-22-7[22]
6. Mai 1986
Die Freisetzung der Spaltprodukte war weitgehend unterbunden. Es wurde damit begonnen, ein StickstoffkĂŒhlsystem unter dem Reaktor zu installieren.cite-ref-pdf-katastrophe-von-tschernobyl-22-8[22]
Reaktion und GegenmaĂnahmen
Nachdem Prypjat am 27. April 1986 evakuiert worden war, erfasste der nĂ€chste Evakuierungs-Schritt bis zum 3. Mai sĂ€mtliche Einwohner aus einem Umkreis von 10 km um den Reaktor. Am 4. Mai 1986 wurde ein Gebiet 30 km um den Reaktor evakuiert, davon waren weitere 116.000 Menschen betroffen. Der gröĂte Teil der Evakuierungen wurde von den Reserven der Sowjetarmee durchgefĂŒhrt. In den folgenden Jahren wurden nochmals 210.000 Einwohner umgesiedelt. Mittlerweile betrĂ€gt die Sperrzone 4300 kmÂČ,cite-ref-size-32-0[32] was einem Kreis mit dem Radius von 37 km entspricht.
ZunĂ€chst war die Reaktion auf den Unfall in Tschernobyl von einer UnterschĂ€tzung der Lage und von Desinformation geprĂ€gt. So war die sowjetische Regierung noch am Morgen nach der Explosion nur ĂŒber ein Feuer im Atomkraftwerk informiert, nicht ĂŒber eine Explosion. Erst als der Zivilschutz in Prypjat am Tag gefĂ€hrlich hohe Strahlungsbelastungen maĂ und nach Moskau meldete, berief Parteichef Michail Gorbatschow einen Krisenstab ein und entsandte Experten zum UnglĂŒcksort. Zwar war in Prypjat von einem Zwischenfall die Rede, es wurde jedoch nur die Anweisung gegeben, Iodtabletten einzunehmen und Fenster wie TĂŒren zu schlieĂen. Die Stadt liegt weniger als 5 km von dem Atomkraftwerk entfernt, in dem auch ein GroĂteil der Einwohner arbeitete. WĂ€hrend 30 Stunden nach der Explosion im Reaktorblock 4 mit der Evakuierung der Stadt Prypjat mit Hilfe von 1000 Bussen begonnen wurde, richteten sich die Experten dort â zunĂ€chst ohne jegliche SchutzmaĂnahmen gegen die radioaktive Belastung â ein. Erst als man zwei Tage nach der Explosion erhöhte RadioaktivitĂ€t an einem Atomkraftwerk in Schweden maĂ und Wissenschaftler herausfanden, dass die Strahlung von auĂerhalb kam, fragte man in Moskau nach, ob dort Ursachen bekannt seien.
Nun unternahm man die ersten Schritte, um den havarierten glĂŒhenden Reaktorblock zu kĂŒhlen und weitere sich auftuende Probleme zu vermeiden. Um die Strahlung zu mindern, warf man von Hubschraubern, die teils aus Afghanistan abgezogen worden waren, aus einer Höhe von 200 m Sand und BorsĂ€ure in den Reaktorblock. Doch zeigte dies keine Wirkung, und die Temperatur stieg. Daraufhin entschied man, Blei zu verwenden. Das Löschwasser, das sich unter dem Reaktor gesammelt hatte, drohte in BerĂŒhrung mit dem geschmolzenen Corium aus BrennstĂ€ben, Graphit und Beton zu kommen, was zu einer Dampfexplosion hĂ€tte fĂŒhren können.cite-ref-33[33]
Man entschloss sich, das Löschwasser mit Hilfe der Feuerwehr aus Prypjat abzupumpen. Zudem entschied man sich, mit der Hilfe von eilig nach Tschernobyl verlegten Bergleuten einen 150 Meter langen Zugang vom dritten unter den vierten Reaktorblock zu graben und dort eine Kammer mit einem Rauminhalt von 4500 mÂł auszuheben, um eine komplexe KĂŒhlanlage zu installieren. Letztlich wurde diese Kammer mit Beton ausgefĂŒllt, denn man wollte vermeiden, dass die Strahlung das Grundwasser um den Reaktor, das die gesamte Ukraine versorgte, verseuchte. Als weitere MaĂnahmen riss man alle kleinen Dörfer um Prypjat ab und versuchte, einen GroĂteil der Tiere zu töten.
Zwar ging die Evakuierung im Umkreis um das Kraftwerk weiter, bis schlieĂlich eine 30-km-Zone gerĂ€umt wurde, die Bevölkerung in den umliegenden Gebieten wurde aber nach wie vor nicht ĂŒber die Gefahr in Kenntnis gesetzt, da man eine Massenpanik vermeiden wollte. WĂ€hrend der Feierlichkeiten zum 1. Mai befanden sich besonders viele Menschen im Freien, ohne ĂŒber die Gefahr informiert zu sein. International wurde der Vorfall aber mittlerweile bekanntgegeben. Am 5. Mai besuchte Hans Blix, Direktor der IAEA, auf Einladung von Gorbatschow Tschernobyl und besichtigte bei einem Hubschrauberflug den havarierten Reaktor. Auf einer Pressekonferenz in Moskau kĂŒndigten Blix und die sowjetischen Verantwortlichen öffentlich eine internationale Konferenz zum Tschernobyl-Vorfall in Wien an, auf der die Sowjetunion alle verfĂŒgbaren Informationen zur VerfĂŒgung stellen wollte. Am 14. Mai wandte sich Gorbatschow in einer Fernsehansprache an das Volk und stimmte die Menschen auf die BewĂ€ltigung der Folgen des UnglĂŒcks ein.
Kurz darauf wurde damit begonnen, zur Versiegelung des havarierten Reaktors und zur SĂ€uberung des stark belasteten Umkreises des Kraftwerks eine groĂe Zahl von Helfern nach Tschernobyl zu bringen. Die sogenannten Liquidatoren, die unter dem Oberbefehl von General Nikolai Tarakanow jeweils nur fĂŒr kurze Zeit unter lebensgefĂ€hrlichen Bedingungen tĂ€tig waren, hatten nun die Aufgabe, das restliche Gebiet zu dekontaminieren. Die Liquidatoren wurden zum Teil unter den aus der 30-km-Sperrzone Evakuierten rekrutiert, es waren jedoch auch unter anderem Soldaten und Reservisten im Einsatz.
Die nĂ€chste groĂe GegenmaĂnahme bestand darin, das Dach des vierten Reaktorblocks von hoch verstrahltem Material zu reinigen. Dies war der erste Schritt, langfristigen Schutz gegen die Strahlung zu gewĂ€hrleisten. Ăber dem havarierten Reaktor wurde ein Sarkophag aus Stahl und Beton gebaut. Dies geschah mit Hilfe von Hubschraubern und KrĂ€nen, die mit Stahl- und Bleiplatten vor der Strahlung geschĂŒtzt wurden. Die Arbeiten auf dem Dach des Reaktors, wo die Strahlenbelastung am gröĂten war, sollten zuerst von ferngesteuerten Fahrzeugen erledigt werden. Nachdem diese jedoch unter den extremen Bedingungen versagt hatten, kamen auch hier Menschen zum Einsatz.cite-ref-34[34] Laut offiziellen Angaben liegen 97 % der BrennstĂ€be begraben unter dem Sarkophag; jedoch wird diese Angabe bezweifelt, da schon bei der Explosion mehr als 3 % von deren Masse aus dem vierten Reaktorblock geschleudert wurde.cite-ref-35[35]
Um den radioaktiven Staub auf dem Boden zu binden, wurde um den Reaktor mit Hubschraubern eine klebrige Substanz auf Polymerbasis verteilt, der man den Namen Burda (russisch fĂŒr âdĂŒnne BrĂŒheâ) gab. In den Siedlungen wurden die DĂ€cher aller GebĂ€ude gesĂ€ubert. Auf dem ReaktorgelĂ€nde wurden 300.000 mÂł kontaminierte Erde abgetragen, in GrĂ€ben geschoben und mit Beton zugedeckt. In den Folgejahren lebten etwa 300 Liquidatoren in der Sperrzone, die am Neubau und der Instandhaltung des alten Sarkophags beteiligt waren.
Folgen
| Radio- nuklid | T 1/2 [ 37 ] | AktivitÀt | 2021 | Masse |
|---|---|---|---|---|
| Radio- nuklid | T 1/2 [ 37 ] | (10 15 Bq ) | (10 15 Bq ) | ( g ) |
| 85 Kr | 10,8 a | 33 | 3,5 | 2.290 |
| 133 Xe | 5,25 d | 6.500 | | 939 |
| 129m Te | 33,6 d | 240 | | 215 |
| 132 Te | 3,2 d | â 1 150 | | 100 |
| 131 I | 8,02 d | â 1 760 | | 382 |
| 133 I | 20,8 h | 910 | | 21 |
| 134 Cs | 2,06 a | â 47 | 0,000 36 | 980 |
| 136 Cs | 13,2 d | 36 | | 13 |
| 137 Cs | 30,2 a | â 85 | â 38 | 26.587 |
| 89 Sr | 50,5 d | â 115 | | 106 |
| 90 Sr | 28,8 a | â 10 | â 4 | 1.959 |
| 103 Ru | 39,3 d | > 168 | | 140 |
| 106 Ru | 374 d | > 73 | | 599 |
| 140 Ba | 12,8 d | 240 | | 89 |
| 95 Zr | 64,0 d | 84 | | 105 |
| 99 Mo | 2,74 d | > 72 | | 4 |
| 141 Ce | 32,5 d | 84 | | 79 |
| 144 Ce | 285 d | â 84 | | 713 |
| 239 Np | 2,36 d | 400 | | 46 |
| 238 Pu | 87,7 a | 0,015 | 0,011 | 23 |
| 239 Pu | 24.100 a | 0,013 | 0,013 | 5.661 |
| 240 Pu | 6.560 a | 0,018 | 0,018 | 2.142 |
| 241 Pu | 14,4 a | â 2,6 | â 0 . 5 | 682 |
| 242 Pu | 375.000 a | 0,000 04 | 0,000 04 | 274 |
| 242 Cm | 163 d | â 0 . 4 | | 3 |
Kontroverse Beurteilung
Die Folgen der Reaktorkatastrophe werden nach wie vor sehr kontrovers erörtert. Ein im September 2005 veröffentlichter Report des Tschernobyl-Forums beschreibt die gesundheitlichen, ökologischen und sozioökonomischen Auswirkungen aus der Sicht der Mitglieder dieses Forums.
Das Tschernobyl-Forum war eine Arbeitsgruppe unter dem Dach der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO). Das Tschernobyl-Forum bestand aus vier Nebenorganen der Vereinten Nationen (dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), dem UN-Nothilfekoordinator (OCHA) und dem Wissenschaftlichen Komitee der Vereinten Nationen ĂŒber die Wirkungen atomarer Strahlungen (UNSCEAR)), vier autonomen Organisationen, die mit der UNO durch VertrĂ€ge verbunden sind (der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), der Weltbank, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der ErnĂ€hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO)) sowie aus den Regierungen von Belarus, Russland und der Ukraine.
Die Ausarbeitung des Tschernobyl-Forums wird von einigen Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace oder IPPNW kritisiert. Dem Report werden Parteilichkeit, vorsĂ€tzliche Verharmlosung der Folgen des ReaktorunglĂŒcks sowie methodische MĂ€ngel vorgeworfen. So umfasse die Studie lediglich die Folgen in Belarus, Russland und der Ukraine, obwohl ein erheblicher Teil der Strahlenbelastungen in Mittel- und Westeuropa anfiel. AuĂerdem habe die Studie des Tschernobyl-Forums Publikationen, die höhere Opferzahlen nahelegen, unberĂŒcksichtigt gelassen. SchlieĂlich wird kritisiert, dass die Untersuchungen erst fĂŒnf Jahre nach dem UnglĂŒck begonnen wurden.
Mit The Other Report on Chernobyl (Kurzbezeichnung TORCH) wurde ein âGegenreportâ zur Ausarbeitung des Tschernobyl-Forums veröffentlicht. Dieser Report wurde von den britischen Wissenschaftlern Ian Fairlie und David Sumner erarbeitet. Er sagt weitaus schwerwiegendere gesundheitsschĂ€digende Folgen des ReaktorunglĂŒcks voraus. In Auftrag gegeben wurde die Studie von der GrĂŒnen Europaabgeordneten Rebecca Harms und unterstĂŒtzt von der âAltner-Combecher-Stiftung fĂŒr Ăkologie und Friedenâ.
Die nachfolgenden Angaben stammen im Wesentlichen aus obigen beiden Studien.cite-ref-38[38]cite-ref-39[39] Beide Studien arbeiten mit dem umstrittenen Linear-No-Threshold-Modell, welches davon ausgeht, dass eine lineare Korrelation besteht zwischen erhaltener Dosis von ionisierender Strahlung und dem Risiko, an Krebs zu erkranken. Auch geringe Dosen könnten so Krebs erzeugen, aber nur mit proportional zur Dosis abnehmendem Risiko. Es gibt allerdings auf der Welt Wohngegenden, in denen einzelfallweise eine Jahresdosis von bis zu 130 mSv durch natĂŒrliche RadioaktivitĂ€t erreicht wird, ohne dass dort ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume eine erhöhte Krebsrate festgestellt werden konnte. Am bekanntesten dafĂŒr ist das iranische Ramsar.cite-ref-40[40]cite-ref-41[41] Es gibt aber auch Studien, welche den oben genannten Wert von 130 mSv/J. relativieren: Eine iranische Studie spricht von gerade mal 30 mSv/Jahr (der andere dort angegebene Wert betrifft die Kollektivdosis).cite-ref-42[42] UNSCEAR schreibt dazu (sinngemÀà aus dem Englischen), es gebe dort VerĂ€nderungen im Genexpressions-Niveau von Reparaturgenen, deren intensivere Aktivierung im Vergleich zu Normalpopulationen.cite-ref-43[43]
Die UN-Kommission erkennt einen Zusammenhang zwischen dem ReaktorunglĂŒck und dem Anstieg von SchilddrĂŒsenkrebs an.cite-ref-44[44]
Kontaminierte Gebiete
Der gröĂte Teil der Freisetzungen radioaktiver Stoffe fand in den ersten zehn Tagen nach der Explosion statt. Etwa 15 Prozent der Freisetzung erfolgte direkt durch die KritikalitĂ€tsexkursion am 26. April 1986, der restliche Teil verteilte sich in den folgenden Tagen aufgrund des Graphitbrandes. Aufgrund der hohen Temperatur des bauartbedingten Graphitbrandes gelangten gasförmige oder leicht flĂŒchtige Stoffe (zum Beispiel Jod oder CĂ€sium) in Höhen von 1,5 bis 10 km.cite-ref-yablokov-45-0[45] Die Wolken mit dem radioaktiven Fallout verteilten sich zunĂ€chst ĂŒber weite Teile Europas und schlieĂlich ĂŒber die gesamte nördliche Halbkugel. Wechselnde Luftströmungen trieben sie zunĂ€chst nach Skandinavien, dann ĂŒber Polen, Tschechien, Ăsterreich, SĂŒddeutschland und bis nach Norditalien. Eine dritte Wolke erreichte den Balkan, Griechenland und die TĂŒrkei. Innerhalb dieser LĂ€nder wurde der Boden je nach regionalen RegenfĂ€llen unterschiedlich hoch belastet.
Vollends fĂŒr die menschliche Nutzung aufgegeben werden mussten ca. 6400 kmÂČ an landwirtschaftlicher FlĂ€che und Waldgebieten, die nahe dem Kraftwerk liegen und dementsprechend sehr hoch belastet sind.cite-ref-46[46] Insgesamt wurden etwa 218.000 kmÂČ mit mehr als 37 kBq/mÂČ Caesium-137 radioaktiv belastet. Mehr als 70 Prozent dieser Gebiete liegen in Russland, der Ukraine und Belarus. WĂ€hrend hier die stĂ€rksten Konzentrationen an flĂŒchtigen Nukliden und Brennstoffpartikeln entstanden, wurde mehr als die HĂ€lfte der Gesamtmenge der flĂŒchtigen Bestandteile und heiĂen Partikel auĂerhalb dieser LĂ€nder abgelagert. Finnland, Schweden, Norwegen, Bulgarien, RumĂ€nien, Polen, Deutschland, Ăsterreich und Jugoslawien erhielten jeweils mehr als 1015 Bq an Caesium-137. Zu den weniger betroffenen Staaten Europas gehörten Belgien, Niederlande, Luxemburg, Frankreich, GroĂbritannien, Irland, Spanien und Portugal.cite-ref-unscear1988-47-0[47] Einige Regionen in GroĂbritannien und Skandinavien sowie im Alpenraum sind teilweise hohen CĂ€sium-Kontaminationen ausgesetzt; die Belastung nimmt im Laufe der Jahre nur langsam ab, weil die Halbwertszeiten einiger radioaktiver Isotope des Fallout mehrere Jahrzehnte betragen. In einigen LĂ€ndern gelten weiterhin EinschrĂ€nkungen bei Produktion, Transport und Verzehr von Lebensmitteln, die immer noch durch den radioaktiven Niederschlag von Tschernobyl belastet sind.cite-ref-48[48] Insgesamt wurden in Europa etwa 3.900.000 kmÂČ, das heiĂt 40 Prozent der GesamtflĂ€che, mit mindestens 4 kBq/mÂČ 137Cs kontaminiert.cite-ref-49[49] AuĂerhalb Europas waren vor allem Vorderasien und Nordafrika betroffen.cite-ref-unscear1988-47-1[47]
Ăsterreich gehörte zu den am stĂ€rksten betroffenen LĂ€ndern. Es kam zu einer durchschnittlichen 137Cs-Kontamination von 18,7 kBq/mÂČ. Die Maximalwerte erreichten in einigen Gegenden fast 200 kBq/mÂČ. Höhere Werte wurden nur in Belarus, Russland und der Ukraine sowie einigen Gebieten Skandinaviens gemessen.cite-ref-50[50]
In den am stĂ€rksten belasteten Gebieten Deutschlands, im SĂŒdosten von Bayern, lagen die Bodenkontaminationen bei bis zu 74 kBq/mÂČ 137Cs.
Die durch das ReaktorunglĂŒck in Tschernobyl verursachte mittlere effektive Dosis eines Erwachsenen ging in Deutschland von 0,11 mSv im Jahr 1986 auf weniger als 0,012 mSv im Jahre 2009 zurĂŒck. Zum Vergleich: Sie lag damit im Bereich der durch die in der AtmosphĂ€re durchgefĂŒhrten Kernwaffenversuche verursachten Belastung, die mit weniger als 0,01 mSv angegeben wird. Die mittlere effektive Dosis durch natĂŒrliche Strahlenexposition liegt im Mittel bei 2,1 mSv pro Jahr, die durch röntgendiagnostische und nuklearmedizinische Untersuchungen verursachte kĂŒnstliche Strahlenexposition bei etwa 1,8 mSv pro Jahr.cite-ref-51[51]
Die in den Jahren 2004 bis 2009 vom vTI-Institut fĂŒr Fischereiökologie durchgefĂŒhrten Messungen der RadioaktivitĂ€t in Speisefischen von Nord- und Ostsee zeigen, dass die radioaktive Belastung der Fische mit 137Cs in der Ostsee auf Grund der Katastrophe von Tschernobyl um eine GröĂenordnung ĂŒber der Belastung von Fischen aus der Nordsee lag. Die radioaktive Belastung lag allerdings deutlich unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte.cite-ref-52[52]
Am 5. April 2020 teilte der ukrainische Umweltinspektionsdienst mit, dass durch einen Waldbrand auf einer FlĂ€che von rund 1 kmÂČ in der Sperrzone um das Kernkraftwerk RadioaktivitĂ€t freigesetzt wurde.cite-ref-53[53] Als Ursache fĂŒr den Waldbrand wird vermutet, dass Anwohner am 4. April 2020 den Brand durch das illegale Verbrennen von MĂŒll ausgelöst haben.cite-ref-tagesschau-tschernobyl-hilfe-101-54-0[54] Zwei Wochen nach Ausbruch waren nach Auswertungen von Satellitenbildern schĂ€tzungsweise 115 kmÂČ abgebrannt. DarĂŒber hinaus kam es aufgrund der Feuer zu anhaltendem und dichtem Smog in Kiew.cite-ref-55[55] Durch die Feuer wurden in der benachbarten Oblast Schytomyr 38 WohnhĂ€user zerstört, nachdem die BrĂ€nde auf Dörfer ĂŒbergegriffen hatten.cite-ref-56[56] Die BrĂ€nde wurden von mehr als 700 Feuerwehrleuten bekĂ€mpft, die auch Hubschrauber einsetzten.cite-ref-57[57] Zur UnterstĂŒtzung und EindĂ€mmung bzw. Löschung der BrĂ€nde stellte die Bundesrepublik Deutschland 80 Dosimeter zur RadioaktivitĂ€tsmessung sowie ein Tanklöschfahrzeug zur VerfĂŒgung.cite-ref-tagesschau-tschernobyl-hilfe-101-54-1[54]
Exponierte Personengruppen
Unmittelbar nach dem UnglĂŒck und bis Ende 1987 wurden etwa 200.000 AufrĂ€umarbeiter (âLiquidatorenâ) eingesetzt. Davon erhielten ca. 1000 innerhalb des ersten Tages nach dem UnglĂŒck Strahlendosen im Bereich von 2 bis 20 Gray (Gy). Die spĂ€ter eingesetzten Liquidatoren erhielten demgegenĂŒber wesentlich geringere Strahlendosen bis zu maximal etwa 0,5 Gy bei einem Mittelwert von etwa 0,1 Gy. Die Zahl der Liquidatoren erhöhte sich nach Angaben der WHO in den folgenden Jahren auf 600.000 bis 800.000. Die Zahl ist nicht exakt bezifferbar, da nur 400.000 Liquidatoren registriert wurden und auch deren Daten unvollstĂ€ndig sind. Die Liquidatoren wurden spĂ€ter fĂŒr ihre Arbeit mit einer Medaille gewĂŒrdigt.
Im FrĂŒhjahr und Sommer 1986 wurden etwa 116.000 Personen aus der 30-Kilometer-Zone rund um den Reaktor evakuiert. SpĂ€ter wurden zirka 240.000 weitere Personen umgesiedelt. FĂŒr die ukrainischen Evakuierten wurde ein mittlerer Dosiswert von 17 mSv (Schwankungsbereich 0,1 bis 380 mSv) errechnet, fĂŒr die weiĂrussischen Evakuierten ein Mittelwert von 31 mSv (mit einem maximalen Durchschnittswert in zwei Ortschaften von 300 mSv).
In den ersten Tagen nach dem Unfall fĂŒhrte die Aufnahme von radioaktivem Iod mit der Nahrung zu stark schwankenden SchilddrĂŒsendosen in der allgemeinen Bevölkerung von im Mittel etwa 0,03 bis 0,3 Gy mit Spitzenwerten bis zu etwa 50 Gy. Eine Ausnahme davon bildeten die wenigen Einwohner von Prypjat, die durch die rechtzeitige Ausgabe von Tabletten mit stabilem Jod (Iodblockade) wesentlich geringere SchilddrĂŒsendosen erhielten.
Die nicht evakuierte Bevölkerung erhielt wĂ€hrend der mehr als 20 Jahre seit dem Unfall sowohl durch externe Bestrahlung als auch durch Aufnahme mit der Nahrung als interne Strahlenexposition effektive Gesamtdosen von im Mittel etwa 10 bis 20 mSv bei Spitzenwerten von einigen 100 mSv. Die fĂŒnf Millionen Betroffenen in kontaminierten Gebieten erhalten generell Tschernobyl-bedingte Dosen von unter 1 mSv/Jahr, doch rund 100.000 erhalten immer noch mehr als 1 mSv pro Jahr.
Siehe auch
:
Auswirkung von Strahlenbelastungen
Gesundheitliche Folgen
Laut WHO und IAEA (2008) starben an den Folgen akuter Strahlenkrankheit knapp 50 Menschen.cite-ref-unscear2008-36-1[36] FĂŒr Gesamteuropa schĂ€tzten Elisabeth Cardis et al. 2006 ab, dass bis 2065 mit etwa 16.000 zusĂ€tzlichen SchilddrĂŒsenkrebserkrankungen und 25.000 sonstigen zusĂ€tzlichen Krebserkrankungen zu rechnen sei. Die Todesrate daraus belaufe sich auf ca. 16.000 Personen.cite-ref-58[58]
Die am besten dokumentierte Gesundheitsfolge ist ein signifikanter Anstieg der SchilddrĂŒsenkrebserkrankungen um etwa 1800 FĂ€lle nach dem Unfall. Laut UNSCEAR ist dies der gröĂte Anstieg von Erkrankungen an einer einzelnen Krebsart, der durch ein einzelnes Ereignis ausgelöst wurde. Die zweite umfassend untersuchte Erkrankung ist LeukĂ€mie, insbesondere unter Kindern und AufrĂ€umarbeitern. Manche Studien fanden eine erhöhte Rate, andere nicht. Viele Wissenschaftler sind der Ansicht, dass es noch zu frĂŒh sei, definitive Schlussfolgerungen zur Zahl der LeukĂ€miefĂ€lle zu ziehen.cite-ref-ramana2009review-59-0[59]
BezĂŒglich der Zahl der TodesfĂ€lle gibt es eine bis heute andauernde erbitterte Debatte. Dies ist zum Teil auf die methodischen Schwierigkeiten zurĂŒckzufĂŒhren, niedrige Strahlendosen mit statistischen Krankheitseffekten in Verbindung zu bringen. Zudem wird der unfallbedingte Anstieg der KrebsfĂ€lle von einer viel gröĂeren Zahl von KrebsfĂ€llen ĂŒberlagert, die auch ohne den Unfall aufgetreten wĂ€ren. Nicht zuletzt spielen politische Motivationen bei diesen SchĂ€tzungen eine Rolle.cite-ref-ramana2009review-59-1[59] In Publikationen von atomenergiekritischen VerbĂ€nden und Umweltorganisationen finden sich hundertfach höhere Zahlen von Erkrankungen und TodesfĂ€llen als in den Massenmedien.cite-ref-60[60]
Angesichts der anhaltenden Kontroverse riefen IAEA und andere internationale Organisationen das Tschernobyl-Forum zusammen, um einen autoritativen Konsens zu formulieren. Im September 2005 kam das Forum zu dem Schluss, dass die Gesamtzahl der auf den Unfall zurĂŒckzufĂŒhrenden Todesopfer bei etwa 4000 liege. Die Rezeption dieses Reports war jedoch keineswegs einheitlich zustimmend. Das Hauptproblem war, dass sich der Bericht auf die am schwersten betroffenen Gebiete von Belarus, der Ukraine und Russlands beschrĂ€nkte und damit die gröĂere Gesamtbevölkerung dieser sowie weiterer LĂ€nder ignorierte.cite-ref-ramana2009review-59-2[59]
Neben Krebs sind wohl die sozialen und psychischen Traumata die gröĂten Probleme fĂŒr die Bevölkerung in den Gebieten um Tschernobyl.cite-ref-ramana2009review-59-3[59] Einige Wissenschaftler halten diese psychischen Folgen fĂŒr das gröĂte Gesundheitsproblem infolge des Unfalls.cite-ref-healthphysicsreview-61-0[61] Die belarussische Autorin und NobelpreistrĂ€gerin Swetlana Alexijewitsch thematisiert in ihrem Werk diesen Aspekt der Katastrophe.cite-ref-62[62]
Strahlenkrankheit
Bei 134 Personen, insbesondere bei KraftwerksbeschĂ€ftigten und Feuerwehrleuten, wurde laut einem Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2006 unmittelbar nach dem Ereignis eine Strahlenkrankheit diagnostiziert. 28 von ihnen starben im Jahr 1986 infolge der Strahlenkrankheit, die meisten in den ersten Monaten nach dem Reaktorunfall. In den Jahren 1987 bis 2004 starben 19 weitere von der Strahlenkrankheit betroffene Helfer, einige davon möglicherweise an den Langzeitfolgen der Strahlenkrankheit.cite-ref-63[63] Eine japanische Studie aus dem Jahr 1998 nennt â unter Zugrundelegung eines ursprĂŒnglich geheimen PolitbĂŒro-Protokolls â 238 Personen mit Symptomen einer Strahlenkrankheit allein in der Bevölkerung kleiner Orte im Umkreis relativ nahe beim Unfallreaktor, welche erst fĂŒnf bis sechs Tage spĂ€ter evakuiert wurden. Die Bevölkerung dort habe zu 10 bis 20 Prozent externe Dosen von einem (1) Sievert oder mehr erhalten.cite-ref-64[64]
SchilddrĂŒsenkrebs
SchilddrĂŒsenkrebs ist eine seltene Krebserkrankung des Hormonsystems mit einer weltweiten PrĂ€valenz von 4,7/100.000 bei Frauen und 1,5/100.000 bei MĂ€nnern. In den meisten Regionen der Erde wurde in den vergangenen 30 Jahren ein deutlicher Anstieg der Zahl der Erkrankungen beobachtet. Die Ursachen hierfĂŒr sind noch nicht geklĂ€rt.cite-ref-schonfeld2011-65-0[65] Die SchilddrĂŒse ist ein Organ, das fĂŒr die Produktion von SchilddrĂŒsenhormonen Iod benötigt und dieses daher aktiv aufnimmt und speichert. Zudem ist es ein kleines Organ, sodass auch geringe Mengen radioaktiven Iods eine hohe lokale Strahlendosis auslösen können.
Eine groĂe Menge von radioaktivem Iod wurde durch den Unfall freigesetzt. Dennoch war die SchilddrĂŒsen-Strahlendosis, welche die allgemeine Bevölkerung erlitt, relativ gering; bei kleinen Kindern etwa 2 Gy in der NĂ€he der Anlage und 2,2 Gy in den am stĂ€rksten kontaminierten Gebieten (Gomel in Belarus).
Die Zunahme von SchilddrĂŒsenkrebs wurde erstmals schon wenige Jahre nach der Katastrophe beobachtet, am deutlichsten bei Personen, die zum Zeitpunkt des UnglĂŒcks unter fĂŒnf Jahre alt waren. Bei Kindern, die nach dem 1. Dezember 1987 geboren wurden â also, nachdem das radioaktive Iod praktisch vollstĂ€ndig zerfallen war â lĂ€sst sich keine Zunahme beobachten.cite-ref-thomas2011a-66-0[66]
Der differenzierte SchilddrĂŒsenkrebs als mit Abstand hĂ€ufigster Typ hat allerdings bei rechtzeitiger medizinischer Behandlung eine der besten Prognosen unter den Krebserkrankungen. Durch zielgerichtete Strahlentherapie mit radioaktivem Iod ist er gut therapierbar und vielfach heilbar. Auch ein eventuell auftretendes Rezidiv ist normalerweise nicht resistent gegen eine erneute Therapie mit radioaktivem Iod und lĂ€sst sich meist zurĂŒckdrĂ€ngen. In Russland, Belarus und der Ukraine wurden etwa 6000 FĂ€lle diagnostiziert. Obwohl etwa 30 % der Patienten ein Rezidiv erleiden, werden voraussichtlich nur ein Prozent an der Erkrankung sterben. Von den 6000 FĂ€llen verstarben (bis 2011) 15.cite-ref-thomas2011-67-0[67]cite-ref-thomas2011a-66-1[66] SchilddrĂŒsenkrebs bleibt also, trotz der sehr dramatischen Zunahmen von mehreren hundert Prozent in den betroffenen Gebieten, immer noch eine verhĂ€ltnismĂ€Ăig seltene Krebserkrankung mit sehr wenigen TodesfĂ€llen.
Umstritten ist, ob ein erhöhtes SchilddrĂŒsenkrebsrisiko fĂŒr Menschen besteht, die zum Zeitpunkt der höchsten Belastung durch radioaktives Jod bereits erwachsen waren.cite-ref-68[68]
LeukÀmie
Die Zunahme von LeukÀmie in den signifikant kontaminierten Gebieten um Tschernobyl wird kontrovers diskutiert.
Eine zehn Jahre andauernde Untersuchung an Kindern, die 1986 in der Ukraine geboren wurden, ergab eine signifikante Erhöhung aller LeukĂ€miearten: âDie Risikorate fĂŒr die Akute lymphatische LeukĂ€mie ist fĂŒr Jungen dramatisch erhöht und in nicht ganz so starker AusprĂ€gung fĂŒr MĂ€dchen. FĂŒr beide Geschlechter kombiniert ist das relative Risiko fĂŒr die Akute Lymphatische LeukĂ€mie in belasteten Bezirken mehr als dreifach höher als in unbelasteten (relatives Risiko RR = 3,4).â (Zitat IPPNW-Bericht: Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl, 2006, S. 50 ff.)cite-ref-69[69] Der 2011 erstellte, ĂŒberarbeitete Bericht kommt zu Ă€hnlichen Ergebnissen. Es werden zahlreiche medizinische Studien angefĂŒhrt, die eine Zunahme der LeukĂ€mie bei der betroffenen Bevölkerung beweisen, unter anderem auch in anderen europĂ€ischen LĂ€ndern: âIn Griechenland erkrankten Kinder, die zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Leib ihrer Mutter heranwuchsen, 2,6 mal so hĂ€ufig an LeukĂ€mie wie Kinder, die vor oder lĂ€ngere Zeit nach der Katastrophe geboren wurden.â (Zitat IPPNW-Bericht: Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl, 2011, S. 76)cite-ref-70[70]
Eine 1993 erschienene Publikation in dem renommierten Wissenschaftsjournal Nature kam zu dem Schluss, dass es keine HÀufung von LeukÀmiefÀllen in und um Tschernobyl gab. Allerdings wurde die Möglichkeit genannt, dass eine HÀufung auch noch zu spÀteren Zeitpunkten auftreten könnte.cite-ref-71[71]
Eine Metastudie von 2007, veröffentlicht im Fachjournal Health Physics (mit Peer Review), kam zu dem Ergebnis, dass es keinen statistisch signifikanten Anstieg von LeukÀmie-FÀllen gab.cite-ref-72[72]
Weitere Krebserkrankungen
Der Anstieg der Inzidenz zahlreicher anderer Krebsarten in Europa aufgrund Tschernobyl wurde durch verschiedene Studien wissenschaftlich untersucht. Die Zunahme von Brustkrebs in Belarus wird durch eine Arbeit von Pukkala et al. im International Journal of Cancer vom 27. Februar 2006 belegt.cite-ref-73[73] In der Ukraine verkĂŒrzte sich die Lebenszeit nach einer Diagnose von Magen- und Lungenkrebs deutlich.cite-ref-74[74] Auch Tumoren im Zentralnervensystem und Hirntumoren bei Kleinkindern in der Ukraine nahmen zu.cite-ref-75[75]cite-ref-76[76] Neben der Chronisch Lymphatischen LeukĂ€mie und dem Multiplen Myelom stehen vor allem die LymphdrĂŒsenkrebs-Arten wie das Non-Hodgkin-Lymphom und das Hodgkin-Lymphom im Fokus.cite-ref-77[77] Die vorliegenden Studien untersuchten zwar nur die aufgetretenen FĂ€lle in den jeweiligen LĂ€ndern oder Gebieten. Sie geben aber Aufschluss darĂŒber, fĂŒr welche Krebserkrankungen in den anderen betroffenen LĂ€ndern ein erhöhtes Risiko besteht.
Genetische und teratogene SchÀden
Die deutsche Sektion der Internationalen Ărzte fĂŒr die VerhĂŒtung des Atomkrieges (IPPNW) schrieb dazu 2006: âInsgesamt mĂŒssen wir mit 18.000 bis 122.000 genetisch geschĂ€digten Menschen in Europa infolge der Tschernobylkatastrophe rechnen.âcite-ref-78[78] Schon eine Woche nach Tschernobyl wurden bei Deutschen, die aus der Ukraine zurĂŒckkehrten, vermehrt ChromosomenschĂ€den festgestellt, es ist allerdings ungeklĂ€rt, ob diese mit einer erhöhten Strahlenbelastung in Verbindung stehen.cite-ref-79[79] Von 1985 bis 1994 wurden fĂŒnf bis zwölf Wochen alte Föten in WeiĂrussland auf Fehlbildungen untersucht. In diesem Zeitraum gab es eine erhöhte Anzahl an Missbildungen.cite-ref-80[80] Anfang 1987 wurde eine HĂ€ufung der Trisomie 21 bei Babys in WeiĂrussland festgestellt.cite-ref-81[81] Teratogene SchĂ€den aufgrund von Tschernobyl wurden in zahlreichen LĂ€ndern Europas nachgewiesen. In Westdeutschland und der DDR trat zum Beispiel bei Neugeborenen um etwa 10 % hĂ€ufiger als vor dem UnglĂŒck die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte auf.cite-ref-82[82] In der TĂŒrkei wurde eine Zunahme der Anenzephalie und der Spina bifida um etwa das Dreifache (20 statt 6 von Tausend Neugeborenen) beobachtet und Tschernobyl als ErklĂ€rung nahegelegt.cite-ref-83[83] Beides sind sehr schwerwiegende Fehlbildungen, die in der Embryonalentwicklung entstehen.
Eine Studie von Michail Malko 2014 ergab eine Steigerung des Risikos fĂŒr angeborene Missbildungen von 0,58 auf 0,70 % im stark kontaminierten Bereich und von 0,58 auf 0,60 % im schwach kontaminierten Bereich um den Reaktor vor und nach dem UnglĂŒck. In Ă€hnlichen GröĂenordnungen bewegte sich der Anstieg des Krebsrisiko fĂŒr alle Krebsformen auĂer SchilddrĂŒsenkrebs. Hier stieg, wie oben beschrieben, das Risiko teilweise um das bis zu Hundertfache an. Das Risiko einer LeukĂ€mie-Erkrankung stieg von 0,0028 % auf 0,0032 % und sank sechs Jahre nach dem UnglĂŒck wieder auf 0,0029 %cite-ref-84[84]
Eine Studie aus dem American Journal of Obstetrics & Gynecology kam 1992 zu dem Ergebnis, dass es zu keiner nennenswerten Zunahme von Geburtsfehlern nach dem ReaktorunglĂŒck kam.cite-ref-85[85]
âDas Tschernobyl-Forum sieht nach Auswertung der vorliegenden epidemiologischen Studien weder einen Beweis noch einen Hinweis auf verringerte Fruchtbarkeit bei MĂ€nnern und Frauen, auf die Zahl der Totgeburten, auf andere negative Geburtsfolgen, auf Komplikationen bei der Geburt und auf die allgemeine Intelligenz und Gesundheit der Kinder, die eine direkte Folge ionisierender Strahlung sein könnten. Die gesunkenen Geburtenraten in den kontaminierten Gebieten könnten auf die Ăngste der Bevölkerung und auf den Wegzug vieler jĂŒngerer Menschen zurĂŒckzufĂŒhren sein. Ein mĂ€Ăiger, aber bestĂ€ndiger Anstieg von berichteten angeborenen Fehlbildungen in kontaminierten und nichtkontaminierten Gebieten WeiĂrusslands scheine auf eine vollstĂ€ndigere Erfassung und nicht auf Strahlung zurĂŒckzugehen.âcite-ref-86[86]
Autoren, die ökologische Dosis-Wirkungs-Beziehungen fĂŒr Totgeburten, Fehlbildungen sowie fĂŒr das GeschlechtsverhĂ€ltnis bei der Geburt â unter anderem in unterschiedlich hoch belasteten bayerischen Landkreisen â vermuten,cite-ref-87[87]cite-ref-88[88] wird entgegengehalten, dass vor dem Hintergrund der vergleichsweise geringen Strahlendosiserhöhungen in Deutschland, die sich innerhalb der Schwankungsbreite der natĂŒrlichen Strahlenexposition bewegten, nicht zu verstehen sei, dass solche massiven Effekte nachweisbar sein sollten. Diese Skepsis werde unterstĂŒtzt durch zahlreiche negative epidemiologische Befunde in Deutschland und anderen europĂ€ischen LĂ€ndern mit zum Teil deutlich höheren Strahlendosen. Zudem sind bisher keine biologischen Mechanismen gefunden worden, die einen solchen ursĂ€chlichen Zusammenhang in dem beschriebenen AusmaĂ plausibel machen könnten.cite-ref-89[89]
Einige Forscher nehmen einen Zuwachs von genetischen Mutationen bei Kindern von vom Unfall betroffenen Eltern an und beobachteten diesen nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Es liegen jedoch keine vergleichbaren Nachweise fĂŒr ErbschĂ€den bei den Kindern von Ăberlebenden der AtombombenabwĂŒrfe von Hiroshima und Nagasaki vor. Es mangele, so der Forscher Dillwyn Williams, unter anderem durch die fragmentarisch angelegten Studien bisher an gesicherten Erkenntnissen ĂŒber die SchĂ€den.cite-ref-nature2011-90-0[90]
Autoimmunerkrankungen der SchilddrĂŒse
In der Region um Tschernobyl gibt es zudem eine hohe PrĂ€valenz von Autoimmunthyreoiditis, die auf ernĂ€hrungsbedingten Jodmangel und kurzlebige Iodisotope zurĂŒckzufĂŒhren ist. Bei Kindern, die unmittelbar vor dem ReaktorunglĂŒck geboren wurden, ist der Effekt am stĂ€rksten.cite-ref-91[91] Sie zeigen schon frĂŒh Antikörper gegen die SchilddrĂŒse, noch bevor diese durch das eigene Immunsystem geschĂ€digt wird. Da davon auszugehen ist, dass die Risikogruppe spĂ€ter an einer Autoimmunerkrankung der SchilddrĂŒse erkrankt, sollte neben einer Krebsvorsorge auch auf diese Gefahr geachtet werden.cite-ref-92[92]
Psychische Gesundheit und psychosoziale Auswirkungen
Eine erhebliche Belastung fĂŒr die Gesundheit durch die Katastrophe von Tschernobyl liegt, wie auch der britische Kernphysiker Peter E. Hodgson 1999cite-ref-93[93] herausstellte, in direkt oder indirekt von ihr verursachten mentalen und psychosozialen Folgen. Als psychische Folgen des UnglĂŒcks werden unter anderem Angst vor möglichen Folgen der Strahlung, das DrĂ€ngen in eine Opferrolle, die zu einem GefĂŒhl sozialer Ausgrenzung fĂŒhrt, sowie Stress in Zusammenhang mit Evakuierung und Umsiedlung genannt. Epidemiologen verweisen darauf, dass die Katastrophe durch die sozialen Auswirkungen dadurch auch Einfluss auf die breite Bevölkerung gehabt hat. Angst und Hoffnungslosigkeit können zu Krankheitserscheinungen und zu gesundheitsschĂ€digendem Lebenswandel (ErnĂ€hrung, Alkohol, Tabak) fĂŒhren, Faktoren, die die GesundheitsschĂ€den deutlich erhöhen.cite-ref-nature2011-90-1[90]
Stress, Depressionen, Furcht und medizinisch nicht erklĂ€rte physische Symptome waren zwei- bis viermal höher bei vom Unfall betroffenen Bevölkerungsteilen als bei Kontrollgruppen, wenngleich keine erhöhte Rate von diagnostizierten psychischen Störungen festzustellen war. Symptome fanden sich bis elf Jahre nach dem Unfall. Die Schwere der Störungen steht in einem signifikanten Zusammenhang mit der individuellen Risikowahrnehmung und der Diagnose eines Gesundheitsproblems infolge des Unfalls. Allgemein waren die psychischen Folgen konsistent mit denen der AtombombenabwĂŒrfe auf Hiroshima und Nagasaki, dem Reaktorunfall im Kernkraftwerk Three Mile Island oder der Katastrophe von Bhopal. Die Weltgesundheitsorganisation sowie israelische und amerikanische Forscher fanden keine SchĂ€den der Hirnentwicklung von Ungeborenen und Kleinkindern durch Strahlenbelastung. Ukrainische Berichte, die kognitive SchĂ€den bei Liquidatoren infolge der Strahlenbelastung suggerierten, wurden nicht unabhĂ€ngig bestĂ€tigt. Eine Studie fand einen signifikanten Anstieg von Selbstmorden bei Liquidatoren, was fĂŒr eine bedeutende emotionale Belastung spricht. Wissenschaftler empfehlen angesichts der Persistenz der psychischen Folgen in der Bevölkerung AufklĂ€rungsprogramme und psychosoziale Interventionen.cite-ref-healthphysicsreview-61-1[61]
Wirtschaft
Die Katastrophe von Tschernobyl verursacht immense Kosten und schadet der Wirtschaft in der Region. Wegen des ökonomischen Umbruchs aufgrund des Zusammenbruchs der UdSSR sind die wirtschaftlichen Auswirkungen des UnglĂŒcks aber nicht genau zu beziffern. In einem Brief vom 6. Juli 1990 an den GeneralsekretĂ€r der Vereinten Nationen Javier PĂ©rez de CuĂ©llar schĂ€tzte das sowjetische Finanzministerium die direkten wirtschaftlichen Verluste und die Ausgaben infolge der Katastrophe fĂŒr den Zeitraum von 1986 bis 1989 auf etwa 9,2 Milliarden Rubel.cite-ref-94[94] Das entsprach etwa 12,6 Milliarden US-Dollar. In der Ukraine entfallen 20 Jahre nach dem Unfall jĂ€hrlich 5 bis 7 % des Staatsbudgets darauf. 1991 waren es noch 22,3 %, die bis 2002 auf 6,1 % sanken.
Besonders betroffene Zweige der lokalen Wirtschaft sind Land- und Forstwirtschaft. So können aufgrund der Strahlenbelastung knapp 800.000 Hektar Land und 700.000 Hektar Wald nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden. Die Landwirtschaft der Region leidet aber auch unter dem âStigma Tschernobylâ, das zu sehr geringer Nachfrage nach Produkten aus der Region fĂŒhrt. Aufgrund dieser Tatsache werden kaum private Investitionen im Agrarbereich der Region getĂ€tigt.
Politik der Sowjetunion
Die FĂŒhrung der KPdSU setzte von Anfang an auf eine strikte Informationskontrolle, um die Schwere des UnglĂŒcks und seine Auswirkungen zu verschleiern. Die Umweltprobleme wurden heruntergespielt, und die Veröffentlichung von Informationen erforderte die vorherige Zustimmung des Zentralkomitees der KPdSU. Michail Gorbatschow erkannte, dass diese Geheimhaltung mit der von ihm eingeleiteten Politik einer gröĂeren Transparenz und Offenheit der StaatsfĂŒhrung gegenĂŒber der Bevölkerung unvereinbar war, und erklĂ€rte bei einer PolitbĂŒrositzung am 3. Juli, dass die Wahrheit dem eigenen Volk und der Welt offengelegt werden mĂŒsse. FĂŒr Gorbatschow war die Tragödie ein AnstoĂ fĂŒr sein Glasnost-Programm, das bereits seit 1985 entwickelt wurde. Basierend auf seinen EindrĂŒcken verkĂŒndete er ein Jahr nach dem UnglĂŒck auf dem Treffen des Zentralkomitees der KPdSU am 27. Januar 1987 den Beginn der âĂra der Glasnostâ.cite-ref-96[95.1]
Die Katastrophe verstĂ€rkte auĂerdem Gorbatschows AbrĂŒstungsbemĂŒhungen. Er argumentierte, dass â100 Tschernobylsâ in einer einzigen SS-18-Rakete enthalten seien, und betonte die Dringlichkeit der nuklearen AbrĂŒstung. Hans Blix, Generaldirektor der IAEA von 1981 bis 1997, erklĂ€rte in einem Dokumentarfilm: âHerr Gorbatschow hat zu Recht gesagt, dass der Tschernobyl-Unfall gezeigt hat, was passiert, wenn die Kernenergie auĂer Kontrolle gerĂ€t. Es war eine sehr dramatische Demonstration fĂŒr alle Menschen, dass wir die Kernwaffen loswerden mĂŒssen.â.cite-ref-97[95.2] Gorbatschow selbst schrieb 2012 in seiner Autobiographie Najedine s soboi, sein Leben könne in zwei Phasen unterteilt werden: vor und nach Tschernobyl.cite-ref-98[96]
Verantwortliches Personal
Umstritten ist auch, welchen Anteil die Fehlentscheidungen des Kraftwerkpersonals am Zustandekommen des UnglĂŒcks hatten. Dass Betriebsvorschriften verletzt wurden, ist eine Tatsache. In welchem Umfang sie dem Personal bekannt waren, ist fraglich. Unerfahrenheit und unzureichende Kenntnisse, insbesondere in Zusammenhang mit der Leistungsanhebung des (mit Xenon vergifteten) Reaktors, werden angefĂŒhrt. Da beim Versuch ein neuartiger Spannungsregler getestet werden sollte, bildeten Elektrotechniker einen GroĂteil des anwesenden Personals. Auch war zum Zeitpunkt des Versuchs ein anderes Schichtpersonal als ursprĂŒnglich geplant anwesend.
Kraftwerksdirektor Wiktor Brjuchanow und fĂŒnf leitende Mitarbeiter wurden 1987 zu langjĂ€hrigen GefĂ€ngnisstrafen verurteilt.cite-ref-99[97] Da der Prozess innerhalb der Sperrzone um Tschernobyl stattfand, waren nur die Beteiligten vor Gericht anwesend. Der Ingenieur Nikolai Antonowitsch Dolleschal, der als Leiter des nach ihm benannten Forschungs- und Konstruktionsinstituts fĂŒr Energotechnik (NIKITE) als hauptverantwortlich fĂŒr die Entwicklung des Reaktortyps RBMK galt, war bereits 87 Jahre alt und ging erst nach der Reaktorkatastrophe in den Ruhestand. Der Zusammenhang zwischen diesem Schritt und dem Super-GAU von Tschernobyl wurde jedoch niemals offiziell bestĂ€tigt.
2020 veröffentlichten der Sicherheitsdienst der Ukraine und das Ukrainische Institut fĂŒr Nationale Erinnerung bisher geheime Dokumente und Protokolle von DienstgesprĂ€chen zur Nuklearkatastrophe.cite-ref-100[98]
Reaktionen in anderen europÀischen LÀndern
Bundesrepublik Deutschland
Politische Diskussion zur Kernenergie
In SĂŒddeutschland beherrschten monatelang Diskussionen ĂŒber das AusmaĂ der radioaktiven Belastung von Lebensmitteln und anderer möglicher Kontaminationen sowie der adĂ€quate Umgang damit die Ăffentlichkeit. Dabei wurde die gesellschaftliche Auseinandersetzung zum einen von Sachdiskussionen geprĂ€gt, zum anderen rĂŒckte verstĂ€rkt die grundsĂ€tzliche Einstellung zur Kernenergie in den Fokus der Diskussion, zumal zeitgleich die Kontroverse um die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf gefĂŒhrt wurde.cite-ref-br-101-0[99] Es wurden Empfehlungen zum UnterpflĂŒgen von FeldfrĂŒchten oder zum Sperren von KinderspielplĂ€tzen gegeben, wobei es aus heutiger Sicht strittig ist, inwieweit diese angemessen und notwendig waren.
In der Folge des ReaktorunglĂŒcks bröckelte der ohnehin schon durch die Anti-Atomkraft-Bewegung in Frage gestellte Konsens ĂŒber die Verwendung der Kernenergie. GroĂe Teile der Bevölkerung waren nun fĂŒr einen Ausstieg aus der Atomenergie. In der Politik wurde diese Forderung nun auch von der SPD ĂŒbernommen, unter anderem durch Erhard Eppler und den SPD-Kanzlerkandidaten Johannes Rau, der einen schrittweisen Ausstieg befĂŒrwortete. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) sprach sich auch im Namen seiner Fraktion im Bundestag in der Zukunft fĂŒr eine Senkung des Anteils der Kernenergie an der Energieversorgung (1985: rund 31 %) aus, fĂŒr einen baldigen Ausstieg komme dies aber nicht in Frage, da dieser weder notwendig noch machbar sei. MinisterprĂ€sident Lothar SpĂ€th (CDU) nannte die Kernenergie eine Ăbergangsenergie, und nach Tschernobyl gelte es konsequent ĂŒber eine Energiepolitik nachzudenken, die langfristig der Kernenergie nicht bedĂŒrfe. Die FDP bezeichnete die Kernenergie auf ihrem Bundesparteitag 1986 in Hannover ebenfalls als eine Ăbergangsenergie, auf deren Verzicht als Bestandteil der Energieversorgung hingearbeitet werden mĂŒsse.
Nach Tschernobyl fĂŒhlten sich 58 Prozent der westdeutschen Bevölkerung persönlich stark bedroht. Unter dem Eindruck des Unfalls verdoppelte sich der Anteil der vehementen Kernkraftgegner in Deutschland von 13 auf 27 Prozent.cite-ref-102[100] Ereignisse, wie dass es nur neun Tage nach Tschernobyl im nordrhein-westfĂ€lischen Kernkraftwerk Hamm-Uentrop zu einem meldepflichtigen Störfall mit RadioaktivitĂ€tsaustritt kam, der von Betreiber-Seite zunĂ€chst geleugnet, spĂ€ter aber eingestanden wurde, trugen zu diesem Ansehensverlust der Kernkraft mit bei.cite-ref-103[101]
Wenige Wochen nach dem UnglĂŒck wurde in der Bundesrepublik Deutschland das Bundesministerium fĂŒr Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegrĂŒndet. Die GrĂŒndung dieses Ministeriums war vor allem eine Reaktion auf den als unzureichend koordiniert empfundenen Umgang der Politik mit der Katastrophe von Tschernobyl und ihren Folgen. Am 11. Dezember 1986 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Strahlenschutzvorsorgegesetz (StrVG), zum Schutz der Bevölkerung, die RadioaktivitĂ€t in der Umwelt zu ĂŒberwachen und die Strahlenexposition der Menschen und die radioaktive Kontamination der Umwelt im Falle radioaktiver UnfĂ€lle oder ZwischenfĂ€lle so gering wie möglich zu halten.
Zu einem grundlegenden Wandel in der Atompolitik fĂŒhrte die Katastrophe von Tschernobyl jedoch nicht. Man fĂŒhrte den Ausbau der Kernenergie gegen alle WiderstĂ€nde fort und lieĂ bis 1989 noch sechs bereits im Bau befindliche bzw. weitgehend fertiggestellte Kernkraftwerke in Betrieb nehmen: Brokdorf, Hamm-Uentrop, MĂŒlheim-KĂ€rlich, Isar 2, Emsland, Neckarwestheim. Nur der Schnelle BrĂŒter von Kalkar und die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf lieĂen sich aufgrund massiver Proteste nicht mehr durchsetzen.
SicherheitsĂŒberprĂŒfungen an deutschen Kernkraftwerken
Die deutschen Kernkraftwerke wurden vor dem Tschernobyl-Hintergrund einer SicherheitsĂŒberprĂŒfung unterzogen. 1987 fiel kurz nach Vorliegen von ersten Untersuchungsergebnissen die Entscheidung, den graphitmoderierten Kugelhaufenreaktor AVR (JĂŒlich) 1988 endgĂŒltig stillzulegen, was (obwohl es offiziell nie bestĂ€tigt wurde) als Konsequenz aus einem nicht hinreichenden Schutz dieses Reaktors gegen GraphitbrĂ€nde wie in Tschernobyl angesehen werden kann.
Bodenbelastungen und Auswirkungen bei Frischmilch und GemĂŒse
In der Bundesrepublik Deutschland wurden nach Bekanntwerden des ReaktorunglĂŒcks die Landwirte durch die Strahlenschutzkommission des Bundes aufgefordert, den eigentlich fĂŒr Anfang Mai 1986 anstehenden Umstieg von der WinterfĂŒtterung der MilchkĂŒhe auf SommerfĂŒtterung (und Weide) noch bis nach den ersten RegenfĂ€llen hinauszuzögern. Die Katastrophe fiel mit einer mehrwöchigen Schönwetterperiode zusammen, die einerseits das Wachstum der Wiesen sehr anregte, auf der anderen Seite aber auch mit einem stetig blasenden Ostwind die Verbreitung des radioaktiven Staubs nach Westen bewirkte. SpĂ€ter gab es dann eine Ausgleichszahlung fĂŒr die landwirtschaftlichen Betriebe fĂŒr die entstandenen Mehrkosten bei der FĂŒtterung.
Die Strahlenschutzkommission gab zudem Grenzwerte fĂŒr Frischmilch und BlattgemĂŒse aus, bei deren Ăberschreitung die Produkte nicht verkauft werden durften. Der Umsatz auch von freigegebenen Milchprodukten, sowie von Obst und GemĂŒse ging drastisch zurĂŒck. Die Lebensmittelgruppe Rewe vernichtete allein im Mai 1986 unverkĂ€ufliche Milchprodukte und FrischgemĂŒse im Wert von rund 3 Millionen DM. Am 15. September 1986 teilte die Strahlenschutzkommission in Bonn mit, die Kontamination der Lebensmittel in der Bundesrepublik durch RadioaktivitĂ€t sei bis auf wenige Ausnahmen stark zurĂŒckgegangen.
Kontaminierte Molke und Entsorgungsprobleme
Einige Molkereien in besonders betroffenen Gebieten in SĂŒddeutschland waren angewiesen worden, die Molke von der Milch abzutrennen und nicht zu verkaufen, sondern einzulagern, da in der Milch der KĂŒhe 134Cs und 137Cs mit Halbwertszeiten von zwei bzw. dreiĂig Jahren festgestellt wurden. Der Vorschlag, diese Molke als DĂŒnger auf Felder aufzubringen, hatte keinerlei Chancen auf Umsetzung. Das bayerische Landwirtschaftsministerium riet den Molkereien, sich von Milch und Joghurt vorĂŒbergehend auf die Produktion von KĂ€se umzustellen â das strahlende Radionuklid wird mit der Molke ausgeschieden, dem KĂ€swasser, das aus der geronnenen Milch ablĂ€uft. Aus der Molke wurden bei der Meggle AG in Wasserburg am Inn insgesamt 5046 Tonnen Molkepulver gewonnen. Dadurch konzentrierte sich die RadioaktivitĂ€t und ergaben bei Messungen Werte bis zu 8000 Becquerel je Kilogramm Molkepulver. FĂŒr die freie VerkehrsfĂ€higkeit von kontaminiertem Molkepulver lag der Grenzwert bei 1850 Becquerel. Das kontaminierte Molkepulver wurde ab Mai 1986 in Waggons der Bundesbahn auf Abstellgleisen bei Rosenheim gelagert. FĂŒr die nicht mehr verkehrsfĂ€hige Ware wurde die Meggle AG vom Bundesverwaltungsamt mit 3,8 Millionen DM entschĂ€digt.cite-ref-in-toto-104-0[102] Der bayerische Staatsminister fĂŒr Umweltfragen Alfred Dick erklĂ€rte zur Molke âdes tut mir nix.âcite-ref-105[103]cite-ref-in-toto-104-1[102]cite-ref-106[104]
Das bayerische Umwelt- und ErnĂ€hrungsministerium verkaufte am 23. Januar 1987 rund 3000 Tonnen des kontaminierten Molkepulvers fĂŒr 150.000 DM an das Unternehmen LOPEX mit Sitz in Linden. LOPEX wollte die Waggons nach Köln und Bremen transportieren, was die Medien mit groĂem Interesse verfolgten. Die zustĂ€ndigen Behörden in den BundeslĂ€ndern verlangten daraufhin einen RĂŒcktransport nach Bayern. Rund 2000 Tonnen des kontaminierten Molkepulvers lagerten zudem noch in einem Lagerhaus im bayerischen Forsting bei Pfaffing. Ab Februar 1987 schaltete sich Bundesumweltminister Walter Wallmann ein und lieĂ das kontaminierte Molkepulver, das als Abfall deklariert war, ohne entsprechende Rechtsgrundlage in den Besitz des Bundes ĂŒbergehen. Ab Februar 1987 wurden insgesamt 242 Bundesbahnwaggons mit dem radioaktiven Abfall (Molkepulver) dem Schutz der Bundeswehr anvertraut und auf den Standorten Feldkirchen (Niederbayern) und auf dem GelĂ€nde der Wehrtechnischen Dienststelle fĂŒr Waffen und Munition in Meppen zwischengelagert.
Am 22. Juli 1987 teilte der deutsche Bundesumweltminister Klaus Töpfer mit, dass das auf den Bundeswehrstandorten gelagerte kontaminierte Molkepulver im hessischen Hungen entsorgt und zu Viehfutter verarbeitet werden soll. Die Kosten in Höhe von 13 Millionen DM werden dabei vom Bund ĂŒbernommen. Daraufhin kam es ab 1. August zu heftigen Protesten der BĂŒrger in Hungen.cite-ref-107[105] Das radioaktiv belastete Molkepulver wurde nunmehr auf dem GelĂ€nde des stillgelegten Kernkraftwerks Lingen zwischengelagert. Mit einem von der TierĂ€rztlichen Hochschule Hannover entwickelten Ionenaustauschverfahrencite-ref-108[106] wurde in eigens errichteten Spezialanlagen der Noell GmbH (Tochter der Preussag AG) ab Februar 1989 das Molkepulver in Lingen behandelt. Danach betrug die Kontamination noch 100 Becquerel pro Kilogramm.cite-ref-109[107] (Zum Vergleich: ein menschlicher Körper strahlt aufgrund seines natĂŒrlichen Kaliumgehalts mit 60 Bq/kg.) Ab MĂ€rz 1990 fuhren insgesamt 242 Waggons der Bundesbahn (150 aus Meppen und 92 aus Straubing) in Lingen ein. Bis Ende 1990 wurde die Dekontamination abgeschlossen. Die flĂŒssige Molke wurde spĂ€ter als DĂŒnger auf Ăcker verstreut und konzentriertes CĂ€sium in rund 180 FĂ€ssern gesammelt. Diese FĂ€sser mit radioaktivem MĂŒll wurden in das Endlager fĂŒr radioaktive AbfĂ€lle Morsleben (ERAM) eingelagert. Die Anlage selbst wurde demontiert und gröĂtenteils verschrottet. Die Kosten fĂŒr das Aufbereiten bzw. Entsorgen der Molke und ihrer RĂŒckstĂ€nde betrugen nach Angaben der Bundesregierung aus dem Jahr 2016 insgesamt 34 Millionen Euro.cite-ref-110[108]
Pilze und Wildfleisch
In einigen Waldgebieten in SĂŒddeutschland (zum Beispiel Alpen und Voralpenland, MĂŒnchener Umland, Bayerischer Wald, OberpfĂ€lzer Wald) regnete es kurz nach der Katastrophe; durch radioaktiven Regen gelangten viel strahlende Stoffe in den Boden. Radioaktives CĂ€sium-137 (Cs-137) hat eine Halbwertszeit von 30,17 Jahren.
Röhrenpilze (zum Beispiel Maronen oder Birkenröhrlinge) akkumulieren CĂ€sium stĂ€rker als andere Pilzarten. Am wenigsten belastet sind Sorten, die auf Holz wachsen, zum Beispiel die Krause Glucke.cite-ref-111[109] Das Bayerische Landesamt fĂŒr Umwelt bietet auf seiner Website aktuelle Informationen.cite-ref-112[110]
1997 entdeckte das Umweltinstitut MĂŒnchen Proben von Pfifferlingen (österr. Eierschwammerl) mit ĂŒberhöhten Werten an RadioaktivitĂ€t durch CĂ€sium, die nicht in den Handel hĂ€tte gebracht werden dĂŒrfen. Die Ware war mit Herkunft âUngarnâ und âMakedonienâ deklariert, Recherchen ergaben jedoch, dass sie umdeklariert worden war und vermutlich aus der Ukraine stammte. Noch 2009 wurde bei einer Probe von Pfifferlingen mit der Herkunftsangabe âKarpatenâ der Richtwert ĂŒberschritten. GemÀà der Stellungnahme des Umweltinstituts sei es Praxis, dass Pfifferlinge aus Belarus im gering belasteten Litauen abgepackt werden und diese Ware dann als Pfifferlinge aus Litauen auf den Markt kĂ€me und zur sicheren Unterschreitung des Höchstwertes hoch und gering belastete Pilze vermischt wĂŒrden. Diese Praktiken werden als Ursache dafĂŒr angesehen, dass die radioaktive Belastung osteuropĂ€ischer Pfifferlinge unerwartet tendenziell weiter zunehmecite-ref-pilze1-113-0[111] und die Belastung von Pilzen aus Belarus abnehme.cite-ref-114[112]cite-ref-115[113] Maronen-Röhrling und Semmel-Stoppelpilz gĂ€lten als âCĂ€siumsammlerâ, andere Arten wie die Schirmlinge nĂ€hmen nur geringe Mengen auf, Pfifferling und Steinpilz nĂ€hmen eine mittlere Position ein.cite-ref-pilze1-113-1[111] Bayerische Maronenröhrlinge und eine Probe aus Ăsterreich wiesen 2012cite-ref-116[114] Höchstwerte von ĂŒber 1000 Bq/kg auf und lĂ€gen damit deutlich ĂŒber dem Grenzwert von 600 Bq/kg.cite-ref-117[115]
Die Höhe der Cs-137-Kontamination schwankt je nach Pilzart und von Standort zu Standort erheblich. AktivitÀten von mehr als 1.000 Bq/kg Cs-137 wurden in den Jahren 2014 bis 2016 in Orangefalben (Hygrophorus unicolor) und Braunscheibigen Schnecklingen (Hygrophorus discoideus), Gemeinen Erdritterlingen (Tricholoma terreum), Rotbraunen Semmelstoppelpilzen (Hydnum rufescens), Semmelstoppelpilzen (Hydnum repandum), Maronenröhrlingen (Xerocomus badius) und Braunen Scheidenstreiflingen (Amanita umbrinolutea) gemessen.cite-ref-118[116]
Noch immer sind in einigen Regionen im SĂŒden Deutschlands Pilze, Waldbeeren und Wildtiere vergleichsweise hoch belastet. Laut Bundesamt fĂŒr Strahlenschutz (BfS) ist die Kontamination dort rund zehnmal höher als im Norden Deutschlands. Im Jahr 2002 wurden im Muskelfleisch von Wildschweinen aus dem Bayerischen Wald 137Cs-Werte von bis zu 20 kBq/kg gemessen. Hierbei betrug der Durchschnittswert 6,4 kBq/kg und damit mehr als das Zehnfache des EU-Grenzwerts von 0,6 kBq/kg.cite-ref-119[117] In einer Erhebung aus dem Jahr 2023 hat das BfS fĂŒr einige Wildpilzarten Werte von ĂŒber einem kBq/kg ermittelt. Auch in Wildschweinfleisch wurden Werte von bis zu 15 kBq/kg ermittelt. Laut BfS fĂŒhrt der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 2 kBq/kg Caesium-137 zu einer Strahlendosis von etwa 0,005 Millisievert. Bei einem Flug von Frankfurt nach New York betrĂ€gt die effektive Dosis zum Vergleich 0,032 bis 0,075 Millisievert. Es wurde lange angenommen, dass die Caesium-137-Belastung in Wildschweinen hauptsĂ€chlich aus dem Tschernobyl-Unfall resultiert. Eine Studie der UniversitĂ€t Hannover und der Technischen UniversitĂ€t Wien zeigt jedoch, dass bis zu 68 Prozent des Caesium-137 aus Atomwaffentests der 1950er und 1960er Jahre stammen könnten.cite-ref-120[118]
Deutsche Demokratische Republik
Im Gegensatz zur Informationspolitik in der Bundesrepublik wurde in der DDR durch die SED-FĂŒhrung versucht, aus RĂŒcksicht auf den sowjetischen Bruderstaat die Bevölkerung durch unterbliebene und falsche Meldungen zu beruhigen. Erst am vierten Tag nach dem Unfall wurde eine kurze Pressemitteilung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS veröffentlicht, in der ĂŒber eine Havarie berichtet wurde, bei der in Tschernobyl ein Kernreaktor beschĂ€digt wurde. Danach sei den âBetroffenen (âŠ) Hilfe erwiesenâ worden und es wurden MaĂnahmen zur Beseitigung der SchĂ€den ergriffen. Ăber die freigesetzte RadioaktivitĂ€t wurde nicht berichtet und entsprechende Messwerte wurden erst veröffentlicht, als diese nach mehreren Tagen nicht mehr die anfĂ€nglich bedrohliche Höhe erreichten. Als einige Tage nach dem UnglĂŒck in westlichen Medien fĂ€lschlicherweise von tausenden Toten berichtet wurde (laut WHO und IAEA (2008) starben an den Folgen akuter Strahlenkrankheit knapp 50 Menschen), kam es zu Dementis durch die DDR-FĂŒhrung, die diese Nachrichten als âplumpe antisowjetische Hetzeâ bezeichnete.cite-ref-sed-staat-671-121-0[119]
In den Wochen nach dem UnglĂŒck gab es in der DDR plötzlich ein reichhaltiges Angebot an GemĂŒse; es war jenes, das den Ostblocklieferanten vom Westen nicht abgekauft wurde.cite-ref-122[120] Da viele BĂŒrger aufgrund der ĂŒber westliche Radio- und Fernsehprogramme empfangenen Warnungen diese Angebote nicht kauften, wurde dieses Obst kostenlos in KindergĂ€rten und Schulen verteilt. Erich Honecker wurde zitiert, dass er MĂŒttern empfahl, frischen Salat vor dem Essen zu waschen. Die interne Warnung durch das Amt fĂŒr Atomsicherheit, dass durch frisches Futter die Milch kontaminiert wĂŒrde und somit eine Futterumstellung ratsam sei, wurde nicht veröffentlicht, da es an konserviertem Futter aus dem Vorjahr fehlte. Insbesondere im Gebiet von Sachsen-Anhalt lag aufgrund von RegenfĂ€llen die RadioaktivitĂ€t in der so erzeugten Milch 700 % ĂŒber dem Grenzwert fĂŒr SĂ€uglingsmilch, worĂŒber die Bevölkerung nicht informiert wurde. Der Leiter des Amts kommentierte das UnglĂŒck mit den Worten: âJeder Schuster kloppt sich mal auf den Daumen.âcite-ref-sed-staat-671-121-1[119]
Gleichzeitig war in den wenigen Berichtencite-ref-sed-staat-671-121-2[119] von einer Stabilisierung der RadioaktivitĂ€t auf niedrigem Niveau in den Zeitungen zu lesen, ohne ĂŒber das Niveau vor der Katastrophe zu schreiben. Das damalige Mitglied des PolitbĂŒros GĂŒnter Schabowski informierte sich zwar auch in den West-Medien und machte sich Gedanken; im Katastrophenfall habe aber ein eisernes Gesetz gegolten: âAuf jeden eigenen Kommentar verzichten. Da wird nur erzĂ€hlt, was die in Moskau fabrizieren.âcite-ref-123[121] So behaupteten dann âfĂŒhrende Expertenâ in der DDR, dass durch die Havarie keine Gefahr bestĂŒnde. Die Berichte im Westen seien eine gezielte Kampagne, um von der dortigen AufrĂŒstung und der Gefahr durch Kernwaffen abzulenken. GegenĂŒber Oskar Lafontaine und Johannes Rau Ă€uĂerte sich Erich Honecker am 6. Mai 1986 mit den Worten:cite-ref-sed-staat-671-121-3[119]
âSo habe der PrĂ€sident der Akademie der Wissenschaften unmittelbar nach Bekanntwerden der Havarie im PolitbĂŒro Bericht erstattet. Die Bevölkerung der DDR sei jederzeit ausreichend informiert gewesen. FĂŒhrende Physiker der DDR, wie die Professoren Lanius und Flach, hĂ€tten in einer ausfĂŒhrlichen Fernsehsendung informiert. In der BRD habe man dagegen im Stile einer Kriegsberichterstattung eine groĂ angelegte Hetze entfacht.âcite-ref-sed-staat-671-121-4[119]
In Wirklichkeit wurden Honecker und das SED-PolitbĂŒro frĂŒhzeitig informiert, ohne darauf zu reagieren oder auch nur weitere EinschĂ€tzungen anzufordern. So wurde dann auch erst am 20. Mai 1986, vier Wochen nach dem UnglĂŒck, die Bevölkerung umfassender durch einen Bericht des Amtes fĂŒr Strahlenschutz eher beruhigt als informiert. In diesem hieĂ es, dass die âdurchgefĂŒhrten dichten Kontrollen belegenâ, dass fĂŒr Bewohner der DDR âkeinerlei gesundheitliche GefĂ€hrdungen⊠bestanden haben oder bestehenâ.cite-ref-sed-staat-671-121-5[119]
Zur Beruhigung der Bevölkerung mussten DDR-Spitzensportler an der Internationalen Friedensfahrt 1986 teilnehmen, deren Startort das nur 100 km vom UnglĂŒcksreaktor entfernte Kiew war. Der Gesamtsieger des Rennens Olaf Ludwig sagte dazu spĂ€ter, dass er sich dem Start hĂ€tte verweigern können, was aber zum unweigerlichen Ende seiner sportlichen Karriere gefĂŒhrt hĂ€tte. Journalisten waren angewiesen, nicht vom âstrahlenden Siegerâ zu schreiben und den Startverzicht von fast der HĂ€lfte der gemeldeten Mannschaften zu relativieren.cite-ref-sed-staat-671-121-6[119]
FĂŒr Umweltschutzgruppen in der DDR war das Ereignis ein Aufbruchsignal. Erstmals begann eine Debatte um die friedliche Nutzung der Kernenergie. In Eingaben an die Volkskammer und den Ministerrat forderten DDR-BĂŒrger erstmals den Ausstieg aus der Kernenergie (in der DDR waren die Kernkraftwerke Rheinsberg sowie Greifswald in Betrieb, dessen Reaktor 5 wurde am 24. November 1989 abgeschaltet, die Reaktoren 1 bis 4 im Februar 1990).
Ăsterreich
Radioaktive Umweltkontamination
Das österreichische Bundesgebiet zĂ€hlt zu den am stĂ€rksten betroffenen Gebieten Westeuropas:cite-ref-bka-1988-26ff-124-0[122]cite-ref-boku-2006-12ff-125-0[123] Von den insgesamt 70 PBq freigesetzten RadiocĂ€siums wurden 1,6 PBq, also 2 %, in Ăsterreich deponiert,cite-ref-boku-2006-12ff-125-1[123] die durchschnittliche Belastung 137Cs aus den Tschernobyl-Ereignis lag 1986 bei 19,1 kBq/mÂČ,cite-ref-boku-2006-12ff-125-2[123] wobei besonders das Salzkammergut und Nachbargebiete, die Welser Heide und die Hohen Tauern betroffen waren, sowie die Niederen Tauern und die Koralpregion/SĂŒdostkĂ€rnten (mit Durchschnittskontamination > 100 kBq/mÂČ),cite-ref-boku-2006-50-126-0[124] auf die Bevölkerung bezogen der Linzer Zentralraum und die Stadt Salzburg mit > 11 (kBq/mÂČ)/(EW/kmÂČ), und Wien, Graz, Klagenfurt, Villach und Innsbruck â 10.cite-ref-boku-2006-51-127-0[125]
Stand 2021 liegen zum Beispiel fast gesamt Oberösterreich (mit Ausnahme des MĂŒhlviertels und grenznahe Gebiete zu Deutschland) und groĂe Teile Salzburgs immer noch ĂŒber 15 kBq/mÂČ bis 40 kBq/mÂČ. Spitzenwerte von 70 kBq/mÂČ treten in OĂ in der NĂ€he des Traunsteins und westlich von Spital am Pyhrn, sowie in der NĂ€he des Alpenhauptkamms am Stubnerkogel westlich von Bad Gastein und um die Granatspitze auf. Weitere immer noch stark betroffene Gebiete umfassen die Steiermark (Niedere Tauern nördlich des Ennstals und Koralpe) sowie kleinere Gebiete in Tirol und KĂ€rnten.cite-ref-128[126]
Damalige MaĂnahmen
Als MaĂnahmen wurden primĂ€r Kontrollen im Nahrungsmittelbereich gesetzt, um die Ingestion gering zu halten: Verkaufsverbot fĂŒr GrĂŒngemĂŒse und von Schaf- und Ziegenmilch, der GrĂŒnfutterfĂŒtterung bei MilchkĂŒhen, des Genusses von Zisternenwasser, und langfristiger etwa Importverbote fĂŒr Nahrungsmittel aus hochbelasteten AgrarproduktionslĂ€ndern, Verbot des Wildabschusses, FĂŒtterungsplĂ€ne in der heimischen Landwirtschaft (ErsatzfĂŒttermittel, VerdĂŒnnung mit unkontaminiertem Futter, Endmast mit niedrig kontaminiertem Futter, Futterzusatzstoffe zu Verminderung der CĂ€sium-Resorption) oder Grenzwerte fĂŒr die KlĂ€rschlammausbringung.
In spĂ€teren Studien hat sich gezeigt, dass diese in der Ăffentlichkeit nur wenig beachteten MaĂnahmen auf Produktions- und Handelsseite mehr Schutzwirkung gebracht haben als etwa Empfehlungen zu direkten VerhaltensĂ€nderungen.cite-ref-boku-2006-30f-129-0[127]
Langfristige Auswirkungen
Die Strahlenbelastung ist innerhalb von 20 Jahren von anfangs etwa 0,7â0,4 mSv Erstjahresdosis auf 0,003 mSv pro Einwohner (2001) gesunken und liegt in den 2010er Jahren unter 1 â° der Gesamtstrahlenbelastung (ca. 4,3 mSv/a). Insgesamt dĂŒrften in Ăsterreich lebende Personen bis 2006 einer zusĂ€tzlichen Effektivdosis von durchschnittlich 0,6 mSv durch den Reaktorunfall ausgesetzt gewesen sein, das ist nur ein FĂŒnftel der ĂŒblichen Einjahres-Belastung aus natĂŒrlichen Quellen (natĂŒrliches Radon, kosmische Strahlung und Ăhnliches, etwa 3 mSv/a).cite-ref-boku-2006-28f-130-0[128]
Von etwa 360 von 2019 bis 2024 analysierten Wildfleisch-Proben in Ăsterreich ĂŒberschritten nur neun den Grenzwert von 600 Bq/kg, alle von Tieren aus freier Wildbahn und nicht fĂŒr den Handel bestimmt. Bei Wildpilzen lagen fast alle Messergebnisse unter dem Grenzwert, auĂer einer Semmelstoppelpilz-Probe aus KĂ€rnten mit ca. 23.000 Bq/kg.cite-ref-131[129]
Politische Auswirkungen
Vor 1986: Kernkraftwerk Zwentendorf
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Hauptartikel
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Anti-Atomkraft-Bewegung in Ăsterreich
Bereits einige Jahre vor dem Tschernobyl-Unfall war Ende der 1970er Jahre das Kernkraftwerk im niederösterreichischen Zwentendorf an der Donau fast fertiggestellt. Nach Einbringen der schon angelieferten BrennstĂ€be sollte es 1978/79 in den Probebetrieb gehen. Die österreichische Anti-Atomkraft-Bewegung war jedoch zwischenzeitlich so erstarkt, dass es im November 1978 zur âVolksabstimmung Zwentendorfâ kam â gegen den erklĂ€rten Willen von Bundeskanzler Bruno Kreisky, dessen politisch unbedingtes Ziel es war, dass Zwentendorf auf jeden Fall in Betrieb geht. Abgestimmt wurde ĂŒber die Frage: âSoll der Gesetzesbeschluss des Nationalrates vom 7. Juli 1978 ĂŒber die friedliche Nutzung der Kernenergie in Ăsterreich (Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes Zwentendorf) Gesetzeskraft erlangen?â
Mit der Ă€uĂerst knappen Abstimmungsmehrheit von 50,5 % wurde das Inkrafttreten des Bundesgesetz[es] zur friedlichen Nutzung der Kernenergie in Ăsterreich (Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf) abgelehnt und indirekt die Inbetriebnahme verhindert.
Im Dezember 1978 wurde das Bundesgesetz ĂŒber das Verbot der Nutzung der Kernspaltung fĂŒr die Energieversorgung in Ăsterreich, das sogenannte Atomsperrgesetz,cite-ref-134[132] verabschiedet. Das fertige Kraftwerk wurde folgend zur Investitionsruine und in den Jahren danach zum Ersatzteillager fĂŒr Reaktoren gleichen Typs, sowie zum vielfĂ€ltig genutzten Schulungszentrum fĂŒr Mitarbeiter von Kernkraftwerken.
In den 2010er Jahren erfuhr das Kraftwerk eine weitere Umnutzung: âZwentendorfâ, das österreichische Synonym fĂŒr âAnti-Atomkraftâ, wurde von der NachfolgeeigentĂŒmerin, der niederösterreichischen Energiegesellschaft EVN, zu einem Standort zur Erzeugung fĂŒr erneuerbare Energien umgewidmet.
Vor und nach âZwentendorfâ liegen zwei andere richtungsweisende Ereignisse der österreichischen Geschichte: Der Bau des Kraftwerks Kaprun in den Wiederaufbaujahren â als wirtschaftliche âErfolgsgeschichteâ â und die Besetzung der Hainburger Au 1984 â als Wendepunkt des DemokratieverstĂ€ndnisses â im energiepolitischen Sektor. Selbst bei den groĂen Energieversorgern wird deswegen seit den 1980er Jahren ein Kurs Richtung erneuerbarer Energien verfolgt, der auch den natĂŒrlichen Ressourcen Ăsterreichs entgegenkommt.
Nach 1986: âAtomfreies Ăsterreichâ
âTschernobylâ hat 1986 die österreichische Anti-Atom-Politik sogar noch verfestigt, sie war seither sowohl gesellschaftlich, wie auch parteipolitisch einhelliger Konsens und wurde nie mehr in Frage gestellt. Gesamtösterreichisch gab es danach keinen bedeutenden innenpolitischen Konflikt mehr um Energiefragen. Der EU-Beitritt Ăsterreichs am 1. Januar 1995 hat daran ebenfalls nichts verĂ€ndert.
In der Folge des Tschernobyl-Unfalls kam es in den Jahren danach von österreichischer Seite zu einigen Initiativen gegen auslÀndische Kernkraftanlagen:cite-ref-aai-2006-133-1[131]
âą 1989: Initiative gegen den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf aus der Gesellschaft kommend, die von der LĂ€nder- und Bundespolitik unterstĂŒtzt wurde.
âą 1990â1991: Nach einer vom Bundeskanzler Vranitzky initiierten Studie folgte eine Empfehlung zur SchlieĂung der ersten beiden Reaktoren des Kernkraftwerk Bohunice. Die Regierung schlug den tschechoslowakischen Nachbarn mit der Empfehlung ein nicht angenommenes MaĂnahmenpaket zur SchlieĂung von Bohunice vor. Es beinhaltete das Angebot technischer und wissenschaftlicher UnterstĂŒtzung, sowie Lieferung von Gratisstrom fĂŒr ein Jahr im AusmaĂ der Produktion der beiden betreffenden Reaktoren.
âą 1992 beauftragte Bundeskanzler Vranitzky eine internationale Untersuchungskommission fĂŒr das slowenische Kernkraftwerk KrĆĄko, die mehr als 70 gravierende SicherheitsmĂ€ngel und die ErdbebengefĂ€hrdung von KrĆĄko feststellte. Vranitzky formulierte daraufhin âdie Schaffung eines atomkraftfreien Mitteleuropasâ als offizielles Regierungsziel.
âą 1994 agitierte das offizielle Ăsterreich erfolglos gegen einen Milliardenauftrag mit Kreditgarantie der US-Regierungsbank ExIm fĂŒr die Fertigstellung des tschechischen Kernkraftwerk TemelĂn.
âą 1994â1995 wurden mehr als eine Million Ăsterreicher mit ihren Unterschriften aktiv um gegen eine geplante Kreditvergabe der EuropĂ€ischen Bank fĂŒr Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) zur Fertigstellung des slowakischen Kernkraftwerk Mochovce zu protestieren. Die Bundesregierung unter Vranitzky unterstĂŒtzte ihrerseits mit AktivitĂ€ten auf internationaler Ebene, die EBRD-Kreditvergabe wurde tatsĂ€chlich verhindert. Mochovce wurde dennoch fertiggestellt.
Im Juli 1997 wurde im Nationalrat einstimmig ein Initiativantrag verabschiedet. Mit diesem âAtomfrei-Paketâ, das mehrere MaĂnahmen fĂŒr die Umsetzung einer anti-nuklearen Politik umfasste. Zwischen der Regierung einerseits und den Umweltorganisationen Greenpeace, Global 2000 und der Anti Atom International (AAI) auf der anderen Seite wurden Teile des Pakets in einem Abkommen festgehalten.cite-ref-aai-2006-133-2[131] Ende November 1997 kam es zum Volksbegehren âAtomfreies Ăsterreichâ.
Unter der österreichischen EU-PrĂ€sidentschaft (2. Halbjahr 1998) und im Hinblick auf die sich anbahnende EU-Osterweiterung 2004 verabschiedete die Bundesregierung unter Bundeskanzler Viktor Klima in ihrer 103. Ministerratssitzung am 6. Juli 1999cite-ref-aai-2006-133-3[131] einen Aktionsplan.cite-ref-135[133] Dieser wurde einstimmig am 13. Juli 1999 als EntschlieĂung des Nationalrates betreffend die âUmsetzung des Aktionsplans [der Bundesregierung] fĂŒr die weitere österreichische Anti-Atom-Politik im europĂ€ischen Zusammenhangâ angenommen.cite-ref-136[134] Mit selbem Tag wurde ebenfalls einstimmig das Bundesverfassungsgesetz fĂŒr ein atomfreies Ăsterreich beschlossen, worin die bisherigen Bestimmungen des Atomsperrgesetzes von 1978 in den Verfassungsrang erhoben wurden. Es trat mit der VerkĂŒndung am 13. August 1999cite-ref-137[135] in Kraft.
Im Juni 2003 wurde ein von der FPĂ initiiertes und relativ erfolglos gebliebenes Volksbegehren âAtomfreies Europaâ abgehalten. Als bislang letzter Markstein nach dem Tschernobyl-Unfall verabschiedete der Nationalrat am 8. Juli 2010 eine âEntschlieĂung betreffend Fortsetzung der österreichischen Anti-Atom-Politik und der BemĂŒhungen um eine Reform des EURATOM-Vertragesâ.cite-ref-138[136]
Polen
Die sowjetische FĂŒhrung war darauf bedacht, nur so wenige Personen und Institutionen ĂŒber die Nuklearkatastrophe zu informieren, wie unbedingt notwendig. Aus diesem Grund wurden in den ersten Tagen auch keine Informationen ĂŒber die Explosion in Tschernobyl an die Bruderstaaten in Mitteleuropa weitergegeben, obwohl das betroffene Kernkraftwerk beispielsweise nur 418 km von der polnischen Grenze entfernt steht.
Der Wind hatte das radioaktive Material zunĂ€chst nach Skandinavien transportiert, nach zwei Tagen jedoch zurĂŒck nach Mitteleuropa. Am 28. April bemerkte eine Strahlenmessstation in MikoĆajki im Nordosten von Polen gegen 5:33 Uhr als erste einen rapiden Anstieg der Radionuklide in der Luft. Der gemessene Wert war eine halbe Million Mal höher als ĂŒblich. Gegen 9:00 Uhr informierte man die zentrale Strahlenschutzbehörde in Warschau, das Centralne Laboratorium Ochrony Radiologicznej (kurz CLOR). Das CLOR löste unverzĂŒglich einen internen Alarm aus, weil es von der Detonation einer Kernwaffe ausging. Im Laufe des Tages erkannte man allerdings, dass die Strahlung aus einem Reaktor stammen musste. Anfragen an die sowjetischen Behörden hierzu blieben jedoch unbeantwortet. Erst um 18:00 Uhr erfuhr das CLOR ĂŒber die BBC von den Ereignissen in Tschernobyl.
In der Nacht auf den 29. April legte das CLOR der polnischen Regierung nahe, entsprechende SchutzmaĂnahmen zu ergreifen und unverzĂŒglich Tabletten mit stabilem Iod an die Bevölkerung zu verteilen. Gegen 11:00 Uhr entschied die FĂŒhrungsspitze der PVAP, in den elf Woiwodschaften nahe der Grenze zur Sowjetunion Iod an die Bevölkerung auszugeben. Mangels entsprechender Tabletten wurde eine flĂŒssige Iod-Kaliumiodid-Lösung verabreicht. Innerhalb eines Tages gelang es, fast 19 Millionen Polen mit Iod zu versorgen. DarĂŒber hinaus wurden landwirtschaftliche Betriebe angewiesen, ihr Vieh von den Weiden zu nehmen. Ferner wurde in einigen Regionen empfohlen, vorĂŒbergehend keine frische Milch, Obst, GemĂŒse oder Pilze zu konsumieren. Erst am 30. April 1986 informierte die polnische Presse landesweit ĂŒber âden Austritt einer radioaktiven Substanz in einem Kernkraftwerk in der Sowjetunionâ.cite-ref-139[137] Aufgrund der anstehenden Erster-Mai-Feierlichkeiten verzichtete die PVAP jedoch auf weitere MaĂnahmen.
Die gesamtpolnische Bevölkerung erfuhr erst im Zuge des politischen Systemwechsels 1989 vom AusmaĂ der Katastrophe. In der Folge kam es landesweit zu Demonstrationen gegen das an der polnischen OstseekĂŒste seit 1982 in der Bauphase befindliche Kernkraftwerk Ć»arnowiec. Die massiven Proteste gegen die Anlage fĂŒhrten zuerst zu umfangreichen Untersuchungen und schlieĂlich zum Stopp des Baus. 1990 wurde das Kernkraftwerk unter dem ersten demokratisch gewĂ€hlten MinisterprĂ€sidenten Tadeusz Mazowiecki aufgegeben.
Frankreich
Im Mai 1986 gab das französische Institut fĂŒr Strahlenschutz SCPRI an, 137Cs-Belastungen zwischen 25 Bq/mÂČ in der Bretagne und 500 Bq/mÂČ im Elsass gemessen zu haben; 2006 nannte das Nachfolgeinstitut IRSN Werte zwischen 10.000 und 20.000 Bq/mÂČ vom Elsass bis Korsika. 137Cs war ein Hauptbestandteil des radioaktiven Niederschlags. Angeblich ist nicht mehr nachzuvollziehen, wie die Werte von 1986 zustande kamen. Der damalige Umweltminister Carignon kritisierte 20 Jahre spĂ€ter die Fehler von damals.cite-ref-140[138]
Am 1. und 2. Mai 1986 berichteten Le Figaro und France-Soir, dass Frankreich von der radioaktiven Wolke betroffen war. Erste Tests von Wasser- und Milchproben, deren Ergebnisse teilweise am 6. Mai veröffentlicht wurden, lieferten laut SCPRI zu geringe Belastungen, um eine Gesundheitsgefahr darzustellen, weswegen fĂŒr Frankreich keine SchutzmaĂnahmen empfohlen wurden. Da jedoch andere LĂ€nder SchutzmaĂnahmen angeordnet hatten, wurde in der Presse schnell der Vorwurf der PassivitĂ€t laut. 2001 und 2002 legten mehr als 500 kranke Menschen Beschwerde gegen das damalige Verhalten der Regierung ein. Wenngleich SchilddrĂŒsenkrebserkrankungen zunahmen, seien sie laut französischen Nuklearexperten nicht auf den Unfall zurĂŒckzufĂŒhren. Der ehemalige Arzt und Mitarbeiter des Commissariat Ă lâĂ©nergie atomique et aux Ă©nergies alternatives Bernard Lerouge warf den Medien vor, sich auf die pessimistischen SchĂ€tzungen der Anti-Atomkraftbewegung konzentriert zu haben. TV-Dokumentationen warf er Verzerrungen und Manipulation der öffentlichen Meinung vor, da die Meinungen der Wissenschaftsgemeinde ignoriert worden seien.cite-ref-141[139]
Weitere LĂ€nder
In Schweden ergaben Umfragen im September 1986, dass die Einstellungen gegenĂŒber der Kernenergie im Durchschnitt negativer wurden. Viele Interviewte zĂ€hlten die Risiken der Kernenergie zu den bedrohlichsten aller Risiken. SpĂ€tere Umfragen ergaben, dass die Einstellung in der schwedischen Bevölkerung relativ schnell wieder auf das tendenziell befĂŒrwortende Niveau vor dem Unfall zurĂŒckkehrte.cite-ref-142[140]
Eine 1988 veröffentlichte Analyse zur Berichterstattung ĂŒber das Ereignis und seine Folgen in sieben europĂ€ischen LĂ€ndern kam zu dem Schluss, dass die Medien einigermaĂen gut die Informationen aus offiziellen Quellen wiedergaben, wenngleich einige MĂ€ngel im Bezug auf Themen wie Strahlenbelastung und ihre Risiken festgestellt wurden.cite-ref-143[141] Eine in den 1990er Jahren von der EuropĂ€ischen Kommission beauftragte Untersuchung in fĂŒnf LĂ€ndern (Deutschland nicht inbegriffen) konnte keine Hinweise auf einen verstĂ€rkenden Einfluss der medialen Berichterstattung ĂŒber den Unfall auf die öffentliche Wahrnehmung des Risikos finden, wenngleich die Berichterstattung in der Ăffentlichkeit hĂ€ufig als alarmierend empfunden wurde.cite-ref-144[142] Eine Analyse der Berichterstattung der US-amerikanischen Tageszeitungen New York Times, Washington Post, Philadelphia Inquirer, Wall Street Journal und Morning Call aus Allentown in Pennsylvania sowie der Abendnachrichten der Fernsehsender ABC, CBS und NBC in den ersten zwei Wochen nach der Katastrophe ergab, dass nicht ausreichend Informationen vermittelt wurden, um der Ăffentlichkeit das VerstĂ€ndnis von Kernenergie und die Einordnung des Unfalls zu erleichtern. Ăbertriebene Panikmache oder einen Ăberschuss an negativen Berichten konnten jedoch nicht beobachtet werden.cite-ref-145[143]
Als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe boten US-amerikanische HĂ€matologen der University of California in Los Angeles wenige Tage nach dem Ereignis ihre Hilfe an und, mit Hilfe der politischen Vermittlung von Armand Hammer, im FrĂŒhjahr 1986 fĂŒhrte ein von ihnen entsandtes Transplantationsteam unter Leitung von Robert P. Gale, Richard E. Champlin,cite-ref-146[144] Paul Terasaki und Yair Reisner im Moskauer Krankenhaus Nummer 6 in Zusammenarbeit mit sowjetischen HĂ€matologen Knochenmarktransplantationen an Strahlenopfern aus Tschernobyl zur Behandlung der das Blut schĂ€digenden Strahlenkrankheit durch, allerdings mit nur mĂ€Ăigen Heilerfolgen.cite-ref-147[145]
GegenwÀrtige Situation
Die Nachbarstadt Prypjat ist eine Geisterstadt und bildet das Zentrum des Zone genannten Sperrgebiets. In der Stadt wurden viele GebĂ€ude renoviert, die als UnterkĂŒnfte fĂŒr die Arbeiter und Ingenieure des ehemaligen Kraftwerksparks Prypjat, fĂŒr Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleute dienen. Im Umland und im Stadtgebiet von Tschernobyl leben rund 700 von einst 14.000 Personen, die entweder ablehnten, die Region zu verlassen, oder nach der Katastrophe 1986 in ihre Dörfer zurĂŒckkehrten. Die Umweltschutzorganisation Blacksmith Institute zĂ€hlte in ihrer 2006, 2007 und 2013 veröffentlichten Liste Tschernobyl jeweils zu den zehn Orten mit der gröĂten Umweltverschmutzung weltweit.cite-ref-148[146]
Siehe auch
:
Sperrzone von Tschernobyl
EndgĂŒltige Abschaltung des Kraftwerkes
Alle drei noch funktionsfÀhigen Blöcke wurden nach dem Ende der AufrÀumarbeiten wieder hochgefahren. Nach den Dekontaminierungsarbeiten in den Jahren 1986 und 1987 war die Regierung der Ansicht, dass die Strahlung keine weiteren Auswirkungen auf das Personal habe.cite-ref-pdf-katastrophe-von-tschernobyl-22-9[22] Der zweite Reaktorblock wurde im Oktober 1991 nach einem Feuer in der Turbinenhalle abgeschaltet.
Bei einer Tagung im Juni 1994 in Korfu beschloss die EuropĂ€ische Union, der Ukraine ein Programm zur Zusammenarbeit vorzuschlagen, das zur Stilllegung des Kernkraftwerkes in Tschernobyl fĂŒhren sollte.cite-ref-149[147] Die G7-Staaten unterstĂŒtzten bei ihrem Treffen in Neapel im Juli 1994 diesen VorstoĂ der EU. Dies fĂŒhrte schlieĂlich am 20. Dezember 1995 im kanadischen Halifax zur Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding durch den ukrainischen PrĂ€sidenten Leonid Kutschma, in dem die Abschaltung der Reaktoren bis zum Jahr 2000 angestrebt wurde.cite-ref-150[148] Die Finanzierung erfolgte ĂŒber das TACIS-Programm der EU. Im November 1996 wurde Block 1 vom Netz genommen, im Dezember 1997 beschloss die ukrainische Regierung, den Reaktor 3 stillzulegen. Im Juni 2000 wurde schlieĂlich die Entscheidung getroffen, Block 3 am 15. Dezember 2000 endgĂŒltig auĂer Betrieb zu nehmen.cite-ref-151[149]
Erste SchutzhĂŒlle
Der havarierte Reaktorblock war durch einen provisorischen, durchlĂ€ssigen sogenannten âSarkophagâ gedeckelt. Im Inneren ist weitgehend die Situation nach der Explosion in heiĂer Form konserviert. Von rund 190 Tonnencite-ref-152[150] Reaktorkernmasse befinden sich SchĂ€tzungen zufolge noch rund 150 bis 180 Tonnencite-ref-153[151] innerhalb des Sarkophags: teils in Form von Corium, teils in Form von Staub und Asche, ausgewaschener FlĂŒssigkeiten im Reaktorsumpf und Fundament oder in anderer Form.
Im Jahr 1992 veranstaltete die Ukraine zusammen mit einer französischen Firma einen Konzeptwettbewerb, um Ideen fĂŒr eine langfristige Lösung fĂŒr Block 4 zu finden. Nach kurzer Zeit entschied man sich fĂŒr eine effektive Schutzummantelung und kĂŒrte einen Gewinner. Hierzu sollte eine vollstĂ€ndige Ummantelung von Block 3 und Block 4 gebaut werden. Da aber fĂŒr dieses Konzept der damals noch aktive Block 3 hĂ€tte abgeschaltet werden mĂŒssen, verwarf man dieses Projekt wieder. Die Kosten dafĂŒr schĂ€tzte man auf drei bis vier Milliarden US-Dollar.cite-ref-pdf-katastrophe-von-tschernobyl-22-10[22]
Im Februar 2013 stĂŒrzte aufgrund groĂer Schneemassen das Dach der Maschinenhalle ein, die etwa 70 Meter vom Sarkophag entfernt ist. Nach Angaben des ukrainischen Zivilschutzministeriums traten dabei keine radioaktiven Partikel aus.cite-ref-154[152]
Zweite SchutzhĂŒlle (âNew Safe Confinementâ)
â
Hauptartikel
:
New Safe Confinement
Der internationale âShelter Implementation Planâ hatte als Ziel, einen neuen, haltbareren Sarkophag zu errichten: Als erste MaĂnahmen wurden das Dach des ursprĂŒnglichen Sarkophags verstĂ€rkt und seine BelĂŒftungsanlage verbessert. Der neue Sarkophag wurde von 2010 bis 2016 aufgrund zu hoher Strahlenbelastung ca. 200 Meter neben dem havarierten Reaktor aufgebaut und anschlieĂend auf Kunststoffgleitschienen ĂŒber den alten Sarkophag gefahren. Dadurch sollte es möglich werden, den alten Sarkophag zu entfernen, ohne dass weitere radioaktive Stoffe freigesetzt werden. Dies soll spĂ€ter mit zwei KrĂ€nen, die trotz hoher Strahlenbelastung vor Ort speziell fĂŒr diesen Zweck hergestellt wurden, erfolgen. Unter anderem sollen sie auch radioaktiv kontaminierte Stoffe zerkleinern. Um dabei einen erneuten Austritt radioaktiver Partikel zu verhindern steht die SchutzhĂŒlle dauerhaft unter leichtem Unterdruck. Am 17. September 2007 wurde der Auftrag dem Konsortium Novarka erteilt.cite-ref-155[153]
Die deutsche Bundesregierung hat bis MĂ€rz 2016 etwa 97 Mio. Euro in den Chernobyl Shelter Fund (CSF) eingezahlt, noch zu erfĂŒllende Beitragszusagen belaufen sich auf etwa 19 Mio. Euro.cite-ref-156[154]
Am 14. November 2016 wurde begonnen, die neue SchutzhĂŒlle in Richtung des alten Sarkophags zu verschieben.cite-ref-157[155] Ihre endgĂŒltige Position nahm sie am 29. November ein.cite-ref-158[156] Am 25. April 2019 vermeldete die EuropĂ€ische Bank fĂŒr Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) den Abschluss eines 72-Stunden-Testbetriebs der SchutzhĂŒlle.cite-ref-159[157] Die offizielle Inbetriebnahme im Beisein des ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj erfolgte am 10. Juli 2019.cite-ref-160[158]
Russischer Ăberfall 2022
Russische StreitkrĂ€fte begannen am 24. Februar 2022 auf Befehl von StaatsprĂ€sident Putin einen völkerrechtswidrigen Ăberfall auf die Ukraine. Am ersten Tag des Ăberfalls nahmen sie das stillgelegte Kernkraftwerk und die umliegende Sperrzone ein. Tage spĂ€ter riss die Ăberwachung der aktuellen Strahlenwerte vor Ort ab; zudem fiel die Stromversorgung in Tschernobyl vorĂŒbergehend aus.cite-ref-161[159] Nach der Schlacht um Kiew (2022) zogen sich die russischen Truppen aus den Gebieten nördlich von Kiew wieder zurĂŒck. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) bestĂ€tigte am 31. MĂ€rz 2022 ihren Abzug von Kernkraftwerk und Sperrzone.cite-ref-162[160]
In der Nacht vom 13. auf 14. Februar 2025 nahm ein Team der IAEA eine Detonation wahr. Es berichtete, dass gegen 1.50 Uhr die Sprengladung eines unbemannten Kampf-Luftfahrzeuges vom Typ Shahed-136 beim Einschlag auf der SchutzhĂŒlle detoniert sei. Die Werkfeuerwehr habe den entstandenen Brand gelöscht.cite-ref-163[161] Die Internationale Atomenergiebehörde warnt im Dezember 2025, dass die SchutzhĂŒlle ihre wichtigsten Schutzfunktionen verloren hat und einer umfassenden Sanierung bedarf.
Gedenken und Rezeption
Gedenkveranstaltungen
Bereits kurz nach der Katastrophe etablierten sich in gröĂeren StĂ€dten, vor allem der ehemaligen Sowjetunion, jĂ€hrliche Gedenkveranstaltungen. Hierbei werden im FrĂŒhjahr Kundgebungen oder Gottesdienste abgehalten, bei denen tausende Teilnehmer mit brennenden Kerzen, Schweigeminuten, Mahnwachen oder GlockenlĂ€uten der Opfer der Reaktorexplosion gedenken. Sie demonstrieren damit auch fĂŒr die friedliche Nutzung der Atomenergie oder langfristig auch fĂŒr die Stilllegung aller Atomreaktoren.
Nationales Tschernobyl-Museum
Ein in der ukrainischen Hauptstadt Kiew eingerichtetes National-Museum zeigt Bilder, Videos, Reste von Kleidung oder verweist mit durchgestrichenen Ortstafeln auf die nicht mehr existenten Dörfer.cite-ref-164[162]
Mahnmale
In Charkiw erinnern zwei Monumente an die Katastrophe: eines aus rotem Porphyr und ein weiteres, dreifarbig gestaltetes, im Park der Jugend. Ein weiteres Denkmal, das den Helfern (âLiquidatorenâ) im GelĂ€nde des Kernkraftwerks gewidmet war, wurde zerstört.
In Saporischschja hat ein Bildhauer einen Stein an einem Brunnen wie ein gespaltenes Atom gestaltet, unweit davon befindet sich ein Granitfindling mit einer Tafel fĂŒr die Opfer der Katastrophe. In der nach dem ReaktorunglĂŒck neu errichteten Stadt Slawutytsch gibt es ein Mahnmal mit Fotos und Lebensdaten einiger Opfer.cite-ref-165[163]
Kiew erinnert mit einem Denkmal an die Feuerwehrleute und Ingenieure, die infolge ihres Einsatzes bei der Katastrophe gestorben sind. An dem symbolhaften verbogenen Metall legen Politiker des Landes regelmĂ€Ăig GedenkkrĂ€nze nieder.cite-ref-166[164]
Auf dem Mitinskoje-Friedhof (ĐĐžŃĐžĐœŃĐșĐŸĐ” ĐșлаЎбОŃĐ”) (Moskau) befinden sich die GrabstĂ€tten von 28 verstorbenen FeuerwehrmĂ€nnern und ein Denkmal.cite-ref-167[165]
In Bamberg steht ein Denkmal fĂŒr Tschernobylcite-ref-168[166]: eine auf dem RĂŒcken liegende, hilflose Schildkröte aus schwarzem Granit. Auf ihrem Bauch ist die Weltkarte eingraviert. Die Schildkröte ist ein Entwurf des sĂŒdkoreanischen KĂŒnstlers Kang Jinmo, den er im Rahmen eines Wettbewerbs des Bund Naturschutz in Bayern im Jahr 1987 eingereicht hatte. Die Schildkröte symbolisiert die Hilflosigkeit gegenĂŒber der atomaren Verseuchung weiter Teile Europas nach der Reaktorkatastrophe im April 1986.
Ausstellungen, Konzerte und andere AktivitÀten
Im Jahr 1990 wurde die gemeinnĂŒtzige Organisation Heim-statt Tschernobyl gegrĂŒndet. Seit 1991 fahren jĂ€hrlich in den Sommermonaten Gruppen freiwilliger Helfer aus Deutschland fĂŒr drei Wochen nach Belarus und errichten, im Rahmen eines Umsiedlungs-Programms, im nicht-kontaminierten Norden gemeinsam mit betroffenen Familien jeweils ein neues Haus. Wesentlicher Bestandteil des Konzeptes ist die ökologische Bauweise und der verantwortungsvolle Umgang mit Energie.
Der deutsche KĂŒnstler Ulrich Bernhardt zeigte in seiner Ausstellung Tod, Zeit, Rhythmus, Leben die Installation âDer Sarkophag â Tschernobylâ in der Galerie der Stadt Sindelfingen 1996 und anschlieĂend im Museum fĂŒr Technik und Arbeit in Mannheim.cite-ref-169[167] Der deutsche KĂŒnstler Till Christ organisierte in Zusammenarbeit mit Studenten der Staatlichen Akademie fĂŒr Design und Kunst aus Charkow im Berliner Kunsthaus Tacheles die Ausstellung âVisual Energy â Nach Tschernobyl: Ressourcen, Energien und wirâ. Sie war zwischen Oktober 2005 und April 2006 zu sehen.cite-ref-170[168] Im Jahr 2006 fĂŒhrte die schweizerische Stadt Thun in ihrem Rathaus eine Gedenkausstellung mit UnterstĂŒtzung der Botschafter der Ukraine, von Belarus und von Russland durch.
Die LiteraturnobelpreistrĂ€gerin Swetlana Alexijewitsch hat sich in ihrem literarischen Werk immer wieder mit der Reaktorkatastrophe auseinandergesetzt und unter anderem ein âTschernobyl-Gebetâ verfasst, das im Jahr 2006 von dem französischen Komponisten Alain Moget als Oratorium unter dem Titel âUnd sie werden uns vergessenâ vertont und uraufgefĂŒhrt wurde.
Vom 3. bis 5. April 2006 veranstaltete die Gesellschaft fĂŒr Strahlenschutz in Berlin einen Internationalen Kongress mit dem Titel â20 Jahre nach Tschernobyl â Erfahrungen und Lehren fĂŒr die Zukunftâ.
Auf drei internationalen Kongressen in den Jahren 2004, 2006 und 2011 diskutierte die IPPNW gemeinsam mit der Ăffentlichkeit ĂŒber die Folgen der Tschernobylkatastrophe sowie Perspektiven einer Welt frei von Atomkraftwerken und Atomwaffen. Der vom 8. bis 10. April 2011 abgehaltene Kongress mit dem Motto âZeitbombe Atomenergie: 25 Jahre Tschernobyl â Atomausstieg jetzt!â fand unter dem Eindruck der Nuklearkatastrophe von Fukushima statt.cite-ref-171[169]
Am 26. April 2011 fand in der Berliner Philharmonie ein Benefizkonzert anlÀsslich des 25. Jahrestages der Tschernobylkatastrophe statt.cite-ref-172[170]
Bildende Kunst
Als Beispiel fĂŒr die Rezeption der Nuklearkatastrophe in der bildenden Kunst sei der 1986 entstandene Zyklus âAschebilderâ des KĂŒnstlers GĂŒnther Uecker genannt.cite-ref-173[171] Auch in der religiösen Kunst und in der Ikonenmalerei fand die Katastrophe von Tschernobyl ihren Niederschlag.cite-ref-174[172]
Spielfilme und Dokumentationen
1990 wurde der Film Raspad â Der Zerfall bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig vorgestellt und erhielt die Goldmedaille des PrĂ€sidenten des italienischen Senats.cite-ref-175[173]
1991 entstand fĂŒr Turner Home Entertainment das TV-Drama Tschernobyl â Die letzte Warnung unter der Regie von Anthony Page.cite-ref-176[174]
2006 entstand unter der Produktion von ITV das Drama The Girls Who Came To Stay. Der Film erzĂ€hlt die Geschichte eines Paares, das zwei MĂ€dchen aus Belarus in Pflege nimmt. Es stellt sich heraus, dass die MĂ€dchen zum Zeitpunkt des UnglĂŒcks hoher Strahlung ausgesetzt waren.cite-ref-177[175]
2011 entstand der vielfach preisgekrönte Kurzfilm Seven Years of Wintercite-ref-178[176]cite-ref-179[177] unter der Regie von Marcus Schwenzel.cite-ref-180[178] Der Regisseur erzĂ€hlt in seinem Kurzfilm das Drama des Waisenkinds Andrej, der vier Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe vom Hehler Artjom in die nukleare Umgebung des Reaktors geschickt wird, um die verlassenen Wohnungen zu plĂŒndern.cite-ref-181[179]cite-ref-182[180]
Im Februar 2011 nahm der Spielfilm An einem Samstag am Wettbewerbsprogramm der Berlinale 2011 teil. Die russisch-ukrainisch-deutsche Koproduktion zeigt die Geschichte vom Scheitern des Fluchtversuchs eines jungen ParteifunktionĂ€rs und seiner Freunde. Er hatte bereits unmittelbar nach dem UnglĂŒck dessen schwerwiegende Folgen erkannt.cite-ref-ard-183-0[181]
Ebenfalls aus dem Jahr 2011 ist der Spielfilm Verwundete Erde. Er handelt von den Folgen der Katastrophe auf das Leben einer jungen Frau.
Am 25. Mai 2012 lief mit Chernobyl Diaries von Brad Parker ein Horrorfilm in den USA an.cite-ref-184[182] Der Film, der auf einem Skript von Oren Peli beruht, spielt 25 Jahre nach der Katastrophe in Prypjat.cite-ref-185[183]
Der Actionfilm Stirb langsam â Ein guter Tag zum Sterben (2013) spielt teilweise im verstrahlten Sperrgebiet, aus dem kernwaffenfĂ€higes Uran geborgen werden soll.
Auf dem Sundance Film Festival 2015 erhielt die Dokumentation The Russian Woodpecker den GroĂen Preis der Jury in der Kategorie âWorld Cinema â Documentaryâ. Der Film behauptete, die Katastrophe von Tschornobyl hĂ€tte etwas mit dem geheimen sowjetischen Radarsystem Duga zu tun gehabt, das einige Kilometer vom Kraftwerk entfernt errichtet und nach der Katastrophe aufgegeben worden war. Der Historiker Serhii Plokhy hĂ€lt dies fĂŒr eine Verschwörungstheorie.cite-ref-plokhydiefrontlinie294-186-0[184]
Die Fernsehserie Chernobyl von HBO aus dem Jahr 2019 zeigt die Folgen der Nuklearkatastrophe vom April 1986 und soll sich dabei weitgehend auf reale Gegebenheiten berufen.cite-ref-187[185] Mehrfach wurde die Reihe allerdings fĂŒr teilweise sachlich falsche Darstellungen und Ăbertreibungen kritisiert.cite-ref-188[186]cite-ref-189[187] Serhii Plokhy attestierte hingegen der Serie, die Lebenswelt der politischen und gesellschaftlichen Bedingungen in der Sowjetunion visuell besser dargestellt zu haben, als alle anderen westlichen und meisten postsowjetischen Fernsehproduktionen, auch wenn sie inhaltliche Fehler enthalte.cite-ref-plokhydiefrontlinie294-186-1[184] Vom Publikum wurde die Serie aber ĂŒberwiegend begeistert aufgenommen und war kurzzeitig die bestbewertete Serie in der IMDb.cite-ref-190[188] Tourismusveranstalter berichteten, das Interesse an Tschernobyl-Reisen sei âdramatisch angestiegenâ, nachdem die HBO-Serie ausgestrahlt wurde.cite-ref-191[189] Russische Medien bezeichneten die Serie als âgegen Russland gerichtetes Propagandawerkâ.cite-ref-192[190]
Als Antwort auf die HBO-Serie lief im russischen Fernsehkanal NTW ebenfalls eine Miniserie, die CIA-Agenten fĂŒr den Unfall verantwortlich macht.cite-ref-plokhydiefrontlinie294-186-2[184]
FĂŒr ZDFinfo wurde 2023 die vierteilige Doku-Serie Tschernobyl â Die Katastrophe produziert, Buch und Regie: Ariane Riecker und Dirk Schneider.cite-ref-193[191]cite-ref-194[192]
Weitere
Bereits am 26. Juni 1986 erschien mit Tschernobyl (Das letzte Signal) ein Protestlied des Musikprojektes Wolf Maahn und UnterstĂŒtzung als Benefiz-Single zugunsten der Anti-Atomkraft-Bewegung in der Bundesrepublik.
Im 1987 erschienenen Album Liebe, Tod & Teufel der österreichischen Musikgruppe EAV wurde das in Reaktion auf die Nuklearkatastrophe entstandene Lied Burli veröffentlicht. Es erzÀhlt auf satirische Weise das Leben eines jungen Mannes, der aufgrund der Nuklearkatastrophe von Geburt an erhebliche Missbildungen aufweist.cite-ref-195[193]
Am 23. MĂ€rz 2007 wurde das Spiel S.T.A.L.K.E.R.: Shadow of Chernobyl, das nach einem fiktiven Unfall 2008 in der Zone um das AKW Tschernobyl spielt, herausgegeben. Es folgten die Teile S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky (5. September 2008, EU) und S.T.A.L.K.E.R.: Call of Pripyat (5. November 2009, DE). Im September 2024 folgte S.T.A.L.K.E.R. 2: Heart of Chornobyl.
Trivia
Die Internationale Atomenergie-Organisation sprach 1980 vom âökonomisch vollumfĂ€nglich gerechtfertigten Bauâ dieses Reaktortyps und davon, dass mit recht geringem Aufwand (durch Erhöhung der Leistungsdichte im Kern) eine Leistungssteigerung von 1000 MW el. auf 1500 MW el. erzielbar sei.cite-ref-196[194]
Der ukrainische Name Đ§ĐŸŃĐœĐŸĐ±ĐžĐ»Ń (Tschornobyl) bezeichnet neben der Stadt auch die Pflanzenart Artemisia vulgaris (BeifuĂ), die gelegentlich mit dem Wermutkraut (Artemisia absinthium) verwechselt wird. Daher wurde die Nuklearkatastrophe mit einer Stelle aus der biblischen Offenbarung des Johannes in Verbindung gebracht: âDer Name des Sterns ist Wermut. Ein Drittel des Wassers wurde bitter und viele Menschen starben durch das Wasser.â (Offb 8,11 )cite-ref-197[195] Auch Ronald Reagan glaubte daher, dass der Unfall in der Bibel prophezeit wurde.cite-ref-198[196]
Siehe auch
Literatur
Landesberichte von Russland, der Ukraine und Belarus
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Landespezifische Literatur
Deutschland
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âą Jakob Felsberger: Tschernobyl in Erlangen â Reaktionen und Dynamiken im lokalen Umfeld 1986â1989. FAU University Press, Erlangen 2020, ISBN 978-3-96147-285-7.
Ăsterreich
âą Die Auswirkungen des Reakterunfalls von Tschernobyl auf Ăsterreich. BeitrĂ€ge Lebensmittelangelegenheiten, VeterinĂ€rverwaltung, Strahlenschutz. In: Bundeskanzleramt â Sektion VII, Ernst Bobek (Hrsg.): Forschungsberichte. 2. verbesserte Auflage. Band 2/88. Ăsterreichische Staatsdruckerei, Wien 1988 (PDF, umweltnet.at â Zeitgenössisches ResummeĂ©).
âą P.Bossew et al.: CĂ€siumbelastung der Böden Ăsterreichs. Monographien. Hrsg.: Umweltbundesamt. Band 60. Wien 1996 (Auszug Pressestelle Umweltbundesamt, Newsarchiv 2006, zit. in Tschernobyl und die Folgen fĂŒr Ăsterreich. wien-vienna.at â 20-Jahres-Stand).
âą Peter Bossew, Martin Gerzabek, Franz Josef Maringer, Claudia Seidel, Thomas Waldhör, Christian Vutuc: Studie âTschernobylfolgen in Oberösterreichâ. Endbericht. Hrsg.: UniversitĂ€t fĂŒr Bodenkultur, Department fĂŒr Wald- und Bodenwissenschaften. Wien April 2006 (Studie âTschernobylfolgen in Oberösterreichâ (Memento vom 24. Dezember 2012 im Internet Archive) [PDF] Untersuchung der gesundheitlichen Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in besonders belasteten Gebieten Oberösterreichs; im Auftrag des Landes Oberösterreich. Allgemeiner Teil und spezielle Untersuchung der mit am stĂ€rksten belasteten Zonen Ăsterreichs.).
Dokumentationen
âą 2004: die Folge Meltdown in Chernobyl. (Staffel 1, Teil 7, von August 2004) der US-amerikanischen Dokumentationsserie Sekunden vor dem UnglĂŒck (Originaltitel: Seconds From Disaster.) widmete sich der Katastrophe von Tschernobyl.
âą 2011 veröffentlichte die WendlĂ€ndische Filmkooperative ein PortrĂ€t ĂŒber Rostislav Omeljaschko, MitbegrĂŒnder der historisch-kulturellen Expeditionen in die Sperrzone von Tschernobyl und begleitete ihn mehrmals in die Sperrzone.cite-ref-200[198]
âą 2011: Die TV-Dokumentation Die Wölfe von Tschernobyl â Wildnis in der Todeszone. aus 2011 beschĂ€ftigt sich mit den Auswirkungen der RadioaktivitĂ€t auf die Tierwelt.cite-ref-201[199]
âą 2016: ZDF-History: Das Tschernobyl-VermĂ€chtnis. TV-Dokumentation von Tetyana Deting, Alexander Deting, Deutschland 2016 fĂŒr ZDF / ZDFinfo (permanent abrufbar auf: youtube.com) In dieser Dokumentation geht es insbesondere um die Erkenntnisse â wie einen deutlich gröĂeren Kreis an Verantwortlichen und umfangreichere Folgen â die Waleri Legassow, der Leiter des Untersuchungskomitees, in seiner Audio-Hinterlassenschaft benannt hat und vorher nie veröffentlichen durfte.
âą 2021: Geheimakte Tschernobyl; Teil 1 und Teil 2. (Originaltitel: Chernobyl: Thr New Evidence; 1) Situartion critical; 2) Fallout) TV-Dokumentationsserie von Andy Webb (Regie), GB 2021; deutsche Synchronfassung 2022.
Weblinks
Commons
: Nuklearkatastrophe von Tschernobyl
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Dossier: Der Reaktorunfall von Tschernobyl. Abgerufen am 3. MĂ€rz 2024 (Dossier der Gesellschaft fĂŒr Anlagen- und Reaktorsicherheit).
âą The 1986 Chornobyl nuclear power plant accident. Website der IAEA; abgerufen am 30. Dezember 2023 (englisch)
âą Chernobyl: How bad was it? Bericht des MIT von 2019 (englisch)
âą Richard Champlin: âĂberwĂ€ltigt vom menschlichen Leidenâ. US-Arzt Richard Champlin ĂŒber die Behandlung von Tschernobyl-Strahlenopfern in Moskau. In: Der Spiegel. Nr. 29, 1986, S. 88â92 (online).
⹠Zeitlicher Verlauf der AktivitÀtskonzentration von 137Cs in der Luft (26. April bis 9. Mai 1986) erstellt vom Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire
âą Anna Veronika Wendland: Tagungsbericht After Chernobyl. 07.04.2011â08.04.2011, Potsdam. In: H-Soz-u-Kult. 2. Mai 2011.
âą Archivradio: Historische Tondokumente zum ReaktorunglĂŒck von Tschernobyl
âą 30 Jahre Tschernobyl, Themenheft der Zeitschrift âReligion & Gesellschaft in Ost und Westâ RGOW 4/2016
âą âUnter Kontrolle haltenâ: Die Stasi und der Super-GAU von Tschernobyl. Stasi-Mediathek, Geschichte.
âą Tschernobyl, der Super-GAU und die Stasi. BStU, Themenbeitrag.
âą CĂ€siumbelastung in Ăsterreich durch Tschernobyl-Fallout, tagesaktuell. umweltbundesamt.at
âą Der Gau von Tschernobyl. National Geographic Deutschland (Sekunden vor dem UnglĂŒck, Staffel 1 Folge 7) auf YouTube.
⹠Chernobyl Visually Explained auf YouTube zeigt eine auf Englisch kommentierte Simulation der VorgÀnge im Reaktor.
Einzelnachweise
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cite-note-33. â Adam Higginbotham: Mitternacht in Tschernobyl. Die geheime Geschichte der gröĂten Atomkatastrophe aller Zeiten. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2019, ISBN 978-3-10-002538-8, S. 88â90 (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
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51.38944444444430.099166666667coordinatesKoordinaten: 51° 23âČ 22âł N, 30° 5âČ 57âł O